Ausgabe 3/4 · 2017 | Editorial

Gedanken des Bürgers vor der Bundestagswahl

Martin Schultz ist der schwächste Kandidat seit dem letzten Krieg. Das muss man leider so sagen. Jemand, dem aus jedem Knopfloch joviale Harmlosigkeit lugt. Ein Alphatier in Brüssel ist eben noch kein Alphatier für Berlin. Seine Berufung als ernst gemeinter Wachablöser ist ein strategisches Missverständnis, wie so oft. Der Mann, der es damals hätte werden müssen, wollte als farbloser Wirtschaftsminister und als ungeliebter großer Vorsitzender nicht, weil er sein Debakel vor sich sah. Heute ist er ein Außenminister mit überraschender Statur und immer noch jung genug, um sich mit günstigen Sympathiewerten für den übernächsten Termin zu empfehlen. Das darf man im Nachhinein clever nennen, zumal die unbesiegbar scheinende Amtsinhaberin dann wohl keine Ambitionen mehr hat. Wer aber an der Urne als Spitzenbewerber überzeugen will, muss mehr zu bieten haben als gepflegte blaue Anzüge, rote Krawatten und allseits zugewandte routinierte Empathie. Sachkompetenz und Führungskompetenz wären nicht schlecht. Außerdem vielleicht noch ein paar Überzeugungen und Prinzipien, denen man gern vertraut.

Kurz gesagt: Die deutsche Sozialdemokratie sollte vielleicht noch einmal einen gestandenen Sozialdemokraten (Mann oder Frau) in den Wettbewerb schicken, der aufgrund seiner Authentizität und Glaubwürdigkeit von einer Mehrheit in der Mitte wählbar wäre. Die heute handelnden Regierungs- und Reservekader erfüllen dieses Kriterium nicht. Die Aussagen und die Vorschläge wirken wie auswendig gelernt. Es kommt einem vor, als sei ein Anbieter auf Zielgruppensuche. Erst waren es phrasenhaft die schwer arbeitenden Menschen in unserem Land, denen der Septembersieger in spe verbal couragiert Segnungen versprach, jetzt ist es an der Zeit für Gerechtigkeit, was auch immer das heißt. In diesem Duktus werden sonst Häppchen feilgeboten, für den kleinen Hunger zwischen durch.

Nun ist es nicht so, dass die CDU mit irgendetwas glänzt, was an die ehemaligen Ziele und Inhalte einer wertbewussten konservativen Kraft erinnert. Ein Land, in dem wir gut und gerne leben, wird uns verheißen. Schön, schön. Fragen wir besser nicht, wen das meint und was das wäre. So wie es klingt, erwartet uns ein Paradies für die Masse, zugleich aber auch für den gesellschaftlichen Mittelstand und für Privilegierte. So, als ob sich alles, was denkende und fühlende Wesen zu recht beschwert, wie von Wunderhand in eitel Glück verwandelt. Bei den kleineren Parteien kommt allerdings auch nicht viel mehr als Behauptungsgewusel herum. Die Grünen wollen immer alles richtig machen und enden dabei doch mit vielen Minderthemen in der Beliebigkeit, da sie ihren Markenkern wie die SPD verloren haben. Die Linke kämpft unverändert im Zeichen materieller Benachteiligung gegen Probleme der Vergangenheit, während die FDP es schafft, die Legende ihrer intellektuellen Erneuerung als not wendige Wiederauferstehung zu kommunizieren. Herr Lindner wird mit jedem Reifejahr als Verkünder und als Mitsprecher besser. Er macht es geschliffen und gut, könnte aber auch anderes verkaufen. Von der AfD ist nicht reden. Sie erledigt sich selbst. Alles in allem dürfen wir darauf setzen, dass Kanzlerin Merkel den Weg in eine leistungsbelohnende Zukunft kennt und weiter beschreitet. Der Standort ist aus eigener Kraft nicht in Gefahr.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur