Ausgabe 4 • 2004 | Editorial

Kleine Odyssee im Gesundheitssystem

Es begann mit einem Fehltritt im Bad. Hängengeblieben in der Tür der Duschkabine, rechtes Bein rutschig, linkes Bein in der Luft, hilflos den Fußboden suchend, dann zu tief durchgestreckt, ein kleiner Knacks in der linken Hüfte. Bald darauf grässliche Stiche im Oberschenkel, dann in der Kniekehle, dann in der Wade, dann am Fuß, dann im ganzen linken Bein. Schließlich Schmerzextasen, als ob die Extremität explodiert. Am Ende keine Körperhaltung mehr ohne Gebrüll, weder stehend, sitzend noch liegend. Als eines Nachts gar nichts mehr geht, die rettende Idee, Erlösung in der Notambulanz einer nahen Klinik zu finden.

Dort erst eine resche polnische Krankenschwester, die schmallippig nach Kasse, Chip-Karte und Praxisgebühr fragt. Dann ein koreanischer Assistenzarzt, der Pillen ausgibt, aber mangels Know-how partout nichts Schmerzstillendes spritzen will. Am Morgen zum Hausarzt: Neue Pillen und nach Hause. Nachts in eine andere Notambulanz. Dort neue Pillen und wieder nach Hause. Dann erneut zum Hausarzt und eine Spritze irgendwohin. Nach wenigen Stunden das alte Gebrüll. Wegen Urlaub des Doktors zum nächsten Arzt: Neue Pillen und Überweisung zum Orthopäden, leider in großer Gemeinschaftspraxis mit rumänischem Kollegen kein Soforttermin. Auskunft: Wir hatten heute schon Notfälle. Nach Besuch einiger weiterer Notambulanzen (reizende syrische Helferin), nach Röntgen- aufnahmen von der Wirbelsäule, die ein Iraner mit veraltetem Gerät unter Assistenz einer ukrainischen Walküre in Weiß rabiat erledigt, jeder Menge Reflexübungen mit dem betroffenen Bein und Begutachtung beider Hüftgelenke Diagnoseversuche, die auf Bandscheibenvorfall tippen, aber unsicher sind. Seit dem Malheur in der Nasszelle sind Wochen vertändelt, in denen die Pharmabranche durch chronische Unterdosierung einen Kunden gewinnt, der alle relevanten Schmerzpräparate kennt und ständig nach mehr verlangt, da ihm nichts und niemand hilft.

Auf dringendes Bitten wird ein CT der Wirbelsäule gemacht, auf dringendes Flehen auch ein Kernspin des linken Beins, um Muskel- verletzungen auszuschließen. Auf dem Höhepunkt des Dauer-Hallelujas drei Spritzen im Drei-Stunden-Takt in einer Nacht, zwei von einer russischen Ärztin im Bereitschaftsdienst, die das Opfer reglos antrifft und stoisch große Ampullen zückt, eine vom erholten Hausarzt, der bitter-süß zur Frühstückszeit einen Hammer-Cocktail injiziert. Insofern kurzzeitig gehbereit, hingeschleppt zu einem alten, erfahrenen Orthopäden, der das erste vernünftige Gespräch über Hergang und Symptomatik führt. Nach gründlicher Anamnese, Beinbeschau, Griffen ins Kreuz und kurzer Betrachtung der vielen anatomischen Bilder die zuverlässige Verifizierung des Verdachts, dass der Ischiasnerv klemmt. Daraufhin eine tiefe Spritze wirbelnah, um die Nervwurzel zu blockieren. Eine halbe Stunde später das Wunder: Die Schmerzen schwinden.

Gekostet hat das Ganze zig tausend Euro bei einer Effizienz nahe Null. In vollen Wartezimmern saßen routinierte Rentner, Hausfrauen, Angestellte und Beamte, die als dankbare Dauerpatienten duldsam ihrer Heilung harren. Die Mediziner waren mundfaul, zeigten wenig Mut zu wirksamen Maßnahmen und überwiesen gern. Darf man als Unternehmer in Deutschland also nicht mal mehr duschen?

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur