Ausgabe 4 • 2007 | Editorial

Weltweiter Wettbewerb und die »Tour de France«

Das Peloton, das am Ende regelmäßig stark dezimierte Feld der Fahrer, rollt wieder nach »Pariss«, wie Rudi Altig, unsere Mannheimer Branchenlegende, mit zu scharfem Auslaut sagt. Dass Kollegen ihn selbst als Profi augenzwinkernd die »rollende Apotheke« nannten, passt ins Bild. 1969, zwei Jahre nach dem Amphetamintod von Tom Simpson am Mont Ventoux, rühmte sich der Reifenrambo, der gelbe und grüne Trikots getragen hatte, so schlau zu sein, nie etwas zu nehmen, was Spuren im Urin hinterlasse. Der frühere Amateurweltmeister, Verfolgungsweltmeister und Sechstagegott fuhr als harter Hund. Allerdings war Doping noch kein moralinsaures Thema. Auch Dietrich »Didi« Thurau, 1977 der zweite Landsmann im »Maillot jaune«, war kein Etappenengel. Nach der Karriere räumte das ewige Frankfurter Talent den routinemäßigen Gebrauch leistungssteigernder Mittel ein.

Nachdem nun Jan Ullrich, Erik Zabel, Jörg Jaksche und viele andere vermeintliche Leistungsführer der Disziplin in dringendem Verdacht stehen oder Teilgeständnisse abgelegt haben, darf man getrost von Naivität lassen. Der Radsport, bestehend aus Aktiven, Ärzten, Betreuern, Teams und Sponsoren, ist auf höchstem internationalen Niveau unter den Augen der Zuschauer und trotz Medien zu einem unlauteren, wenn nicht kriminellen Pharmazeutikazirkus verkommen.

Ganz kluge Zeitgenossen stellen fest, dass das unter Wettbewerbsaspekten unbedenklich sei, da ja immer noch der Erste Küsschen von den beiden Bussifeen rechts und links vom Treppchen kriege, bei großem Attraktivitätsgewinn durch mehr Tempo im Flachen, mehr Kampf in den Pyrenäen und mehr Massensprints. Fehler dieses Deutungsschemas: Dass wirklich alle alles mit sich machen (lassen). Na prima! Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank für so viel Scharfsinn! Dann schaffen wir doch besser gleich alle Regeln und Rahmenbedingungen ab, mit denen wir uns plagen, und eröffnen die weltweite Wirtschaftsarena neu als altrömisches Colosseum. Der Robustere, nicht der Bessere, soll den Lorbeer erhalten, bis sein Körper oder sein Unternehmen unter einer Überdosis kollabiert.

Womit wir uns wichtigeren Schauplätzen zuwenden dürfen. Es geht hier nicht um Firlefanz. Wir reden einerseits von ordinärem Betrug und unwirksamen Sanktionen. Andererseits von falschem Ruhm. Beides ist schäbig. Angebliche Konditionsbolzereien am Berg und »schnelle Beine« auf den letzten Metern sind völlig uninteressant, wenn sie sich dubiosen Ursachen verdanken. Nämliches gilt für Industriekapitäne, die sich auf allen betretbaren Bühnen als Strategen feiern lassen, während maßgebliche Umsätze ganz offenbar auf korrupten Strukturen beruhen. Dann sollen sie doch auf den Hauptversammlungen offen sagen, dass sie Produkt- und Absatzpolitik keineswegs unfehlbar beherrschen, derweil sie im Firmennamen Bestechung und Schmiergelder dulden. Soviel Anstand muss sein.

Da lobe ich mir den spanischen Kletterfex Federico Bahamontes, den ehrlichen »Adler von Toledo«, Gesamtsieger der »Tour« 1959. Er war nur aufwärts gut. Abwärts hatte er nach einem Kaktussturz ein Trauma. Der Mann griff jedoch nicht zu Psychodrogen. Er akzeptierte sein kurioses Handycap. Das ist mir sympathisch.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur