Ausgabe 4/5 • 2012 | Editorial

Wer Antworten gibt, hat nur vergessen zu fragen

Der Kabarettist Sebastian Pufpaff, ein Mann Mitte dreißig und noch vor dem Zenit, tut etwas Wohltuendes. Er adressiert sein gesetzteres Publikum mit einer Aufforderung: »Sie müssen da rausgehen und die Fragen stellen! Das macht sonst keiner für Sie!« Viel mehr also als nur Slapstick und Nonsens wie sonst üblich in einem Metier, das deutlich mehr »Stand-up-Comedians« für die Unbedarften als progressive Intellektuelle hervorgebracht hat. Eher schon eine politische Stimulation, aber direkter als früher, als sich Lore Lorentz und Konsorten, die Stachelschweine und die Wühlmäuse unserer früheren Republik, in kritischen Monologen und Sketchen an den Schwergewichten in den Parlamenten abgearbeitet haben. Die gab es ja wohl mal, wobei aus heutiger Sicht nicht ganz klar ist, warum Schmidt, Brandt, Strauss, Kohl und andere zu ihrer Zeit als mächtige Macher erinnerbar sind, während einem starke Damen wie Hamm-Brücher, das liberale Gewissen, oder Powerfrau Süssmuth kaum in den Sinn kommen. Der Grund könnte sein, dass die Männerfraktion in allem, was sie tat, in Statur und Tonalität das Land für sich in Anspruch nahm, und nicht damit zufrieden war, Themen oder Prinzipien zu besetzen. Die vermeintlich tragenden Säulen des Systems standen für Ideen des Großen und Ganzen und hielten sich nicht mit dem Kleinklein des Tagesgeschäfts auf. Eine Lektion für Rösler und Trittin, für Gabriel, Gysi und drei Drittel des Kabinetts. Keine kantigen Köpfe. Das Buhei um abstrakte Freiheit, um Kita-Plätze und um abgekippte Fässer in der Asse ersetzen keine Strategie.

Fragen zu stellen, an was auch immer und an wen, ist das einzige, was einem bleibt in einer zunehmend sich selbst exekutierenden Zeit. Entscheidungen auf höchster Ebene in Berlin zu treffen, heißt von übergeordneten Ereignissen getrieben zu sein. Dasselbe erfahren die Premierminister und die Präsidenten sämtlicher Industrienationen. Keiner mehr, der ein irgendwie wichtiges Land führt, der noch kann, was er womöglich will. Alle an der Kandarre derselben globalen Knalleffekte, wie sie in bestimmten Großregionen beheimatet sind. In Europa
herrscht die Währungskrise, in den USA dominiert das Staatsdefizit, im Arabischen Raum gärt der Islam vor sich hin. In Asien überhitzt das wichtigste Schwellenland. In Afrika gibt es immer noch viel Armut, Hunger und Elend und neuerdings zwingt alle noch das Klimaproblem.

Syrien, ein leidiges Drama. Wer sind eigentlich die, die den Erben Assad, den Sohn des legendären Vater-»Löwen«, mit allen Mitteln bekämpfen? Wo kommen sie her? Wer rekrutiert sie? Wer finanziert sie? Wer rüstet sie aus und auf und wer setzt die ideologischen Ziele? Waffen und Munition scheinen kein Problem zu sein, ebensowenig Leichtsinn, Todesmut und Naivität. Alles andere schon. Die wilden Schießer auf den Straßen in Aleppo sind vor allem jung und begegnen wie verirrt aus einem »Cyber-Game«. Einer mit einem schweren MG, das zwei
Zentner Gegengewicht auf dem Dreibein braucht, hieft das sperrige Gerät in Rambo-Manier hoch, hält es sich vor den Bauch und schickt, vom Rückstoß Meter nach hinten versetzt, die Salve als Streuobst knapp über die Scheitel seiner Meter abseits lungernden Rachegenossen. Was soll das sein und was soll das werden? Die Vorbotschaft von Demokratie? Nein, Anarchie.

Ach, und da war da noch der Mann von der Berufsgenossenschaft. Er wollte uns besuchen, weil ihnen was aufgefallen war. Dass es nämlich in unserer Branche Fortschritt geben soll. Nur zehn Jahre nach dem Medienbruch im Verlagsgewerbe! Der »Workflow« besteht seither aus Denken und digitalem Datenversand. Es ging ihm um die Gefahrentarife! Auch hier habe ich gefragt, warum und wieso? Man glaubt es nicht. Die BG vereinnahmt auf die absurdeste Art und Weise Beiträge, die sich denken lässt. Wenn sich nur einer bewegt, zahlt man für alle.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur