Ausgabe 5 • 2002 | Editorial

Mythos Mittelstand und Weltmeisterschaft

Das aktuelle Sportereignis in Fernost zeigt Parallelen zum Handeln von Familienunternehmen. Zunächst geht es hier wie dort um Kräftemessen, Kampf und Kapital, um alte Tradition – Deutschland vorneweg, Bern 1954! – aber auch um Marktwert, Medienecho, Marketing, um Strategie und Taktik, jedenfalls nicht um Moral; Sepp Blatters Wiederwahl als FIFA-Präsident spricht sehr für sich. Zudem sind Chancen und Risiken zu sehen. Jeder der 32 Teilnehmer an diesem Turnier hat sich gegen ehrgeizige Mitbewerber qualifiziert und mag nun Weltmeister werden. Doch es droht – gerecht oder nicht – selbst für Favoriten der »Sudden death«, gewissermaßen Insolvenz, wenn man nicht alles gibt. Kein Konkurrent ist zu unterschätzen. Seit der WM 1990 unvergessen Kameruns fülliger Sturmtank Roger Milla, der gegen pomadige Hintermannschaften namhafter Fussballnationen aus klassischen Kontern ökonomisch feine Tore machte.

Weltmeisterschaft heißt Marktführerschaft. Ein Status höchster Reputation, erworben auf Zeit und wie im wirklichen Leben bis zum nächsten »Shoot out« in einer Vielzahl neuer Spiele immer wieder neu zu bestätigen. Den großen Pokal im Regal zu haben, bedeutet nur, ihn ständig verdienen zu müssen. Anders als bei Rot-Grün jedoch unter liberalsten Rahmenbedingungen. Fussball ist globale Freihandelszone. Jeder Zwergstaat, der elf Kicker nominiert, kann sich gegen jede Rasengroßmacht nach simplen Regeln erproben: Das Runde muss in das Eckige.

Schiere Größe wächst sich naturgemäß nicht als Wettbewerbsvorteil aus. Robustheit und Beständigkeit wohl. Auch im Stollensport sind die Agilen, die Kreativen, die ihr Spiel mit innovativen Überraschungsmomenten würzen, obenauf. Während die »Global Player« der Fussballbranche, Frankreich oder Italien, kraftlos und ideenlos gegen No-Names, Nischenanbieter wie Senegal oder Südkorea, gescheitert sind, erzielen weitere Newcomer (Japan!) beherzte Achtungserfolge.

Aufschlussreich ist, dass es eine systemimmanente Verpflichtung zur Attacke gibt. Ein Unentschieden führt nirgendwohin. Buchhalterseelen, Bedenkenträger und andere Bremsernaturen sollten nicht als Spielführer Teamverantwortung tragen. Tore sind unerlässlich, jedenfalls eines oder eines mehr als der Gegner fabriziert. Selbstredend auch bei tiefem Boden, bei Rückstand, unter Zeitdruck und sogar in Unterzahl. Reine Defensivkünstler sind wie im Wirtschaftsleben fehl am Platz bzw. auf dem Platz. Man wollte sie nie wirklich sehen, den »Terrier« Berti Vogts, den rustikalen Bremer »Eisenfuß« Horst Höttges oder den Querschieber Katsche Schwarzenbeck, obwohl man ihre Effektivität und ihre Kompromisslosigkeit pries, weil sie nur verhinderten, statt zu gestalten. Der legendäre »Riegel-Rudi« Gutendorf, 1964 beim Meidericher SV Erfinder eines unbezwingbaren Abwehrsystems, lange bevor Libero und Viererkette Standard wurden, erwarb sich gewiss zu Recht Meriten als Spezialist, quasi als Sanierer in einer bedrängten Marktsituation, hat jedoch in seiner beispiellosen Laufbahn, die ihn als Trainer in 37 Jahren auf ein halbes hundert Auslandsstationen führte, keinen großen Blumentopf gewonnen.

Fazit: Fussball und Wirtschaft lieben die Offensive. Auf Hohe Siege! Greifen Sie an!

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur