Ausgabe 5 • 2003 | Editorial

Geschäfte gegen die Regeln der Rezession

Wenn es nicht rund läuft in einem Land, scheinen sich die Kunden zu verabreden: jeder hat angeblich kein Budget, vor allem aber keine Lust, sich an die Freuden eines guten Einkaufs zu erinnern. Alle lamentieren und lavieren, ihren Kunden gehe es ebenso. Man könne im Moment leider nicht, vielleicht demnächst, jetzo fehle es an Mitteln. Es geht also zu wie in einem vollen Wirtschaftswartesaal. Wenn doch der Zug mit der Konjunkturlokomotive bloß bald käme. Der aber sitzt fest im Berliner Bundesregierungsdepot. Doch auf die Fahrdienstriege in der hohen Politik ist kein Verlass. Anstatt die Oberleitung schleunigst auf Strom zu prüfen, verstopfte Strecken frei zu machen, klemmende Weichen zu wechseln und schlanke Kursbücher zu schreiben, wie allseits verlangt, lässt man Experten-Kommissionen mit kleiner grüner Kelle an die Modelleisenbahn. In der spielverderberfreien Märklinwelt der Ministerberatung gibt es Konzepte für sinkende Arbeitslosenzahlen und sinkende Lohnnebenkosten, sinkende Steuersätze, ausgeglichene Staatshaushalte, stabile Renten, steigende Geburtenraten und nachhaltige Investitionen in die Zukunft der jungen Generation. Leider haben die schlauen blauen Professorenmützen absolutes Trafoverbot.

Indessen kann man in der Presse lesen, die schlechte Stimmung sei das Problem. So, als ob ein Zwitscherwasser am Morgen, ein kleiner Scherz zur rechten Stunde, Schunkeln im Büro oder eine Ludwig-Erhard-Gedächtniszigarre wahrhafte Wirtschaftswunder wirkten. Die reale Rezession als nur verschattete Gemütslage zu verniedlichen, ist fahrlässig und frivol. Wer keine Euros in der Kasse hat, kann sich keine drucken. Daher ist an Selbsthilfe nach Münchhausenart zu denken.

Was spricht dagegen, lebhaft zu bleiben, wo andere lethargisch sind, seine Produkte zu verbessern und sich seinen Markt zu machen? Die Kunst besteht darin, Kombattanten zu finden, die Kernleistungen brauchen und selbst welche im Angebot haben, Leute also, die solide im Geschäft sind und ihre eigene Meinung nicht aus der Zeitung erfahren. Die erkennt man daran, dass Sie einen vernünftigen Vorschlag, Kapital einzusetzen, unverändert schlicht nach Kosten und Nutzen betrachten und nicht den Kaffeesatz studieren, wann es wieder besser geht.

Natürlich muss man auch solche Garantiekunden gegenwärtig mehr als sonst überzeugen und begeistern, um auf etwas einzusteigen. Das gelingt mit festem Vorsatz und mit festem Händedruck. Wer gegenwärtig verkaufen will, muss die klassischen Argumente im Gewand gehobener Unterhaltung bieten, am Telefon, persönlich und per Post. Selbst beste Ideen, Umsatz zu machen, werden in der Depression der Krise rasch zu Sauerbier, wenn sie nicht wie Alka Selzer prickeln.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Selbstvertrauen, in der Seele, in der Sache und im Ziel. Der Dreisatz lautet: Du bist in Ordnung, ich bin in Ordnung und der Deal ist es auch. Gut, dass wir gemeinsam handeln, um dem Miesepeter zu trotzen. Wem also die Verspätungsdurchsagen in Sachen baldiger Aufschwung zu arm sind, der entfalte alle seine Stärken, setze die Draisine aufs Gleis, jenes einfache Gestell mit Motor aus Muskelkraft, und mache sich aus eigenem Antrieb auf.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur