Ausgabe 5 • 2006 | Editorial

Schwach ausgeprägte unternehmerische Gaben

Neulich hat uns jemand eine Geschichte erzählt, in der es um Kaufen und Verkaufen ging. Jemand hatte jemand angestiftet, ein aufstrebendes Unternehmen zu erwerben. Eine junge kleine Perle, die nur noch etwas poliert werden muss, um mit voller Strahlkraft zu glänzen. Soweit so gut. Interessent und »Target« sind beide in einer großen Branche, kennen sich und pflegten sogar Umgang miteinander. Die Geschäftsmodelle sind ähnlich im B-to-B lokalisiert, unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Kernzielgruppen und ihrer Marktpotentiale. Während sich das angestachelte Portemonnaie schon seit Jahren mit struktureller Erlösschwäche plagt, baut der besser aufgestellte Zielbetrieb gerade erst seine Zukunft auf. Ersterer diversifiziert seine Probleme. Letzterer hat eine schöne Kernkompetenz. Das ist des Pudels Kern. Der eine zeigt im Wettbewerb beharrlich, dass er nicht wirklich weiß, wie es geht. Der andere weiß, wie es geht, kann es aber noch nicht richtig zeigen. Dann soll es durchaus rüpelhaft geworden sein.

Nach einem gönnerhaften Anruf, in dem mal kurz auf den Busch geklopft wurde, wie es denn um die Bereitschaft bestellt sei, sich kampflos überrumpeln zu lassen, kam der abschlägige Bescheid nicht gut an. Na, dann werde man halt die Muskeln spielen lassen und zu stärkeren Mitteln greifen. Ein paar Tage später erhielt das tapfere Schneiderlein einen Brief vom Handelsgericht, eine auswärtige Kanzlei mit Meriten im »M & A« begehre aus wirtschaftlichen Gründen Einsicht in die letzten Jahresabschlüsse, die man also pronto einreichen wolle. Nach einigem Geplänkel und Rumoren ging die Sache beidseitig gereizt in die nächste Runde. Ein Vieraugengespräch, das auf Veranlassung des bedrängten Betriebs zustande kam, sollte die Bedrohung diplomatisch beenden. Tatsächlich aber wurde Tacheles geredet. Die neuerliche Bekundung, weder der Geschäftsführende Gesellschafter noch seine Mitgesellschafter dächten daran, ihre Prozente zu veräußern, stieß auf naturtaube Ohren. Dafür markierte Michel mit dem Geld Napoleon. Die Hand im Hosenträger kam der Satz: Sie werden schon sehen!

Inzwischen hatte sich der Angreifer in den Besitz gewisser Unterlagen gebracht, die man gemeinhin nicht gern in fremden Händen sieht. Gottlob aber blieb ihm die tiefere Bedeutung mancher Paragraphen verschlossen. Insofern war auch die weitere Kriegsführung nicht von größtmöglicher Klugheit geprägt. Als nächstes verzapfte der unbedarfte Stratege ein Schreiben an alle Anteilseigner, in dem er seinen kostenlastigen Bauchladen als Ertragsbombe lobte und konfus von allerlei Optionen schwadronierte, unter seiner Regie künftig das ganz große Rad zu drehen. Schließlich rief er reihum an, um seine zwitschernde Vision zu untermauern. Damit war das Pulver verschossen. Neue Munition soll jedoch in der Mache sein.

Nachrichten aus dem feindlichen Heerlager besagen indessen, dass die Verlustvorträge des tapsigen Firmenschmieds so stattlich sind, dass sie seinen Umsatz stark übersteigen. Da staunt man nur, wie die feine Akquisition überhaupt hätte finanziert werden sollen und ruft ihm milde zu »Good luck!« oder »Farewell!« Gesunde Nerven und robuste Kapitalgeber vorausgesetzt, mag man also auch in der Not getrost die weiße Fahne stecken lassen und auf eigene Siege setzen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur