Ausgabe 5 • 2007 | Editorial

Eine kleinere Meldung und ihre größere Brisanz

Wirtschaftsminister Glos hatte dieser Tage ein besonderes Problem. Die Presse mokierte sich über seine Pressearbeit. Das mag an sich nichts Ungewöhnliches sein, doch hier ging es nicht um Worte, geschweige denn um Taten, sondern um die Ehre. Eine externe Agentur für dies und das, die für ein fettes Salär Kommunikation machen sollte, war dem Zeitgeist verfallen und trennte nicht mehr zwischen Angebot und Kauf. Sie unternahm den wohlfeilen Versuch, Redaktionen die »Good News« ihres Auftraggebers unterzujubeln, indem sie parallel mit bezahlter Werbung winkte. Na, was für ein Skandal! Als ob es das noch nie gegeben hätte! Da tut es der Seele gut, postwendend zu lesen, dass Merkels fränkischer Flügeladjutant alle Mitwisserschaft bestreitet. Die Medien, Deutschlands vierte Gewalt! Unabhängig, frei und nur der Wahrheit verpflichtet! Und jetzt das! Ja, was? Schnöde Normalität in einem Land, das Geld als Gleitmittel nutzt.

Es soll doch niemand so naiv sein und meinen, dass sich alles, was den lieben langen Tag gedruckt und gesendet wird, seriöser, kriteriengebundener Auswahl verdankt. Sicher, es mag vereinzelt noch Leuchttürme an Unbestechlichkeit geben, selbst wenn diese auch schon weniger Lux als früher aus der Lampe holen, doch zwischen diesen letzten Wachtposten der Branche wird es seit Jahren immer finsterer. Eine Fehlentwicklung des Wettbewerbs in einem Bereich, der auf die Klugheit, die Toleranz und den Respekt seiner Nutzer und Kunden angewiesen ist. Das sind drei gravierende Bedingungen, ohne die keine ernst zu nehmende Zeitung, keine Zeitschrift und kein digitales Format leisten kann, was es zum Wohl des Gemeinwesens muss, nämlich vorbehaltlos recherchieren, informieren, kritisieren, deuten, aufklären und wirklich etwas wissend bewerten.

Mit alledem aber ist es nicht mehr weit her. In einer Echtzeitwelt übermächtiger Bilder, die Tsunamis, Erdbeben, Attentate, Bombenanschläge, Hungersnöte, Religionskriege, Völkermorde und Katastrophen jedweder Art rund um die Uhr zu einem nur noch konsumierbaren Ekelpotpourri des Unaushaltbaren mischen, drängelt das Grelle und das Inszenierte quoten- und auflagengierig nach vorn, während keiner mehr sagt, warum Dinge geschehen und warum niemand, der könnte, diesen menschengemachten, verdummenden Exzessen Einhalt gebietet.

Dieses Trommelfeuer visuellen Schreckens, der durch seine Permanenz bloß belanglos wird, findet sein Pendant in einer Sturmflut unglaubwürdiger Texte, die ihre Ursachen und ihre Verantwortung aus dem Auge verlieren. Thema vieler Verlautbarungen aus Politik und Wirtschaft ist schon lange nicht mehr die Mechanik der Welt, also warum man etwas will, wie man es macht und ob das dann klappt, sondern abstrakter Erfolg. Dieses amoralische Mantra treibt das Mitteilungsbedürfnis zu obszönen Multiplikationen. Während man es früher den Journalisten überließ, Ereignisse wahrzunehmen, urteilt man heute lieber selbst. Das ist sicherer und gilt bei dickem Scheckheft als clever. Eigenlob statt sachkundiger Einsortierung. Und dann gegen Cash unter den Deckmantel der letzten Sortieranstalten geschlüpft. Dass der Korrumpierer damit gerade das, was er kauft, nämlich die Reputation des Korrumpierten, zerstört, wird nicht bedacht. Blödes Spiel.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur