Ausgabe 5/6 • 2013 | Editorial

Frau Merkel und unsere guten Freunde in der Welt

Ja, was soll man denn dazu sagen? Da ist einer gar nicht so, wie er tut! Das hat es ja noch nie gegeben! Ein amerikanischer Präsident, der viele Geheimdienste hat, die sich alle beschäftigen. Die Ressourcen ohne Ende haben und Computer-Spielzeug so, als ob Santa Claus täglich Säcke anliefern würde. Das muss doch dann auch ausprobiert werden. Niemand sollte sich Illusionen machen, was die Transparenz seiner Daten für Dritte und was die Kenntnis seiner Kommunikation angeht. Wir alle sind nur noch privat, wenn wir schweigen. Wobei es sogar Lippenleserspione geben soll, die noch das nervöseste Mundwinkelzucken deuten. Dem Aufwand sind offenkundig keine Grenzen gesetzt. Nur wozu das Ganze? Warum will ich ständig wissen, was einer denkt oder was einer treibt? Letzteres vielleicht schon eher, wenn er ein wirklich böser Bube ist, der an mein Allerheiligstes will. Und das kann, das geben wir zu, schon Einiges sein, zumindest, wenn ich mir als USA die Illusion erhalten möchte, immer noch die bestimmende Weltmacht zu sein. Was ich ja wegen des Fortschritts freiheitlicher Entwicklungen eigentlich nicht mehr bin, und zumal der Planet auch keinen Zampano mehr verträgt. Dieser Markt, der bis Ende der 80er Jahre boomte, ist über seinen Zenith. Dafür gäbe es zeitgemäßeren Bedarf.

Unternehmer wissen, dass neue Rahmenbedingungen neues Denken und Handeln erfordern. Hier hinkt die Politik anscheinend noch hinterher. Wo allenthalben freier Austausch von Waren und Dienstleistungen herrscht, lassen wir mal den originellen Nordkoreaner außen vor, ist man gut beraten, vernünftiges Vertrauen aufzubauen. Das ist das Paradigma, das zu lernen wäre. Misstrauisch zu sein, ständig Vorkehrungen gegen die Beschädigung eigener Interessen zu treffen und die Beziehungen zu Verbündeten, Partnern, Kunden und Lieferanten zu kontrollieren, bindet viel zu viel Kraft, um Freude am Einfluss auf die Bedürfnisweckung und am Umsatz mit der Bedürfnisbefriedigung zu erleben. Dieses Modell gilt für Meinungen und für Mengen, also auch ökonomisch: Wären die Amerikaner (und ihre angelsächsischen Sprachvasallen) wirklich nur, was sie zu sein behaupten, nämlich berufene Hüter des Guten, verböte sich vieles von selbst. Wären sie Idole wertefundierter Gerechtigkeit, einer liberalen, sozial sensiblen Gesellschaft, die Leistung richtig belohnt, aber auch faire Teilhabe an Wohlstandsgewinnen sichert, während der Staat unideologisch für Maximierung und Ausgleich sorgt, könnten sie in den Wüsten dieser Welt und in den Staaten, die diese Wüsten verwalten, mehr Sympathien erlangen und ihre Budgets für dubiose Aktivitäten aller Art begraben.

Ausspähung, so wie sie vorsätzlich und maßlos begegnet, und übrigens diverse Mächtige erpressbar, also willfährig, macht, ist die Vorstufe zur unlauteren Betreibung herrschender Verhältnisse, vulgo zur Repression. Insofern ist egal, ob Freund oder Feind am Horchposten sitzt, weil die Betreiber einer solchen Infrastruktur dokumentieren, dass ihnen fehlt, was in jedem veritablen Miteinander Nähe fundiert, das »Triple-A« nicht im Rating der Finanzen, sondern zwischenmenschlicher Qualitäten, nämlich natürliche Autorität, Anstand und Aufrichtigkeit.

Um es noch mal praktisch zu sagen: Wir leben in einer Zeit, in der die IT bei allen Segnungen, die sie ganz gewiss hat, durch die immense Vernetzung eine Gefahr hervorbringt, der entschieden zu begegnen ist, um unbefangen leben und arbeiten zu können. Selbstbestimmung setzt voraus, dass ich autonom entscheide, wann, wem gegenüber und wie ich mich mitteilen will. Dies ist (wie auch immer) hoheitlich zu garantieren. Im Übrigen kann es auch nur so sinnvoll Wettbewerb um Innovationen und Lösungen geben. Sonst ist es wie bei Hase und Igel. Wenn ein Supervisor zuverlässig wüsste, was ich kann, könnte ich fast alles lassen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur