Ausgabe 6 • 2003 | Editorial

Absurditäten vor dem Arbeitsgericht

Nicht, dass man es nicht wüsste: Recht haben und Recht bekommen, ist zweierlei, zumal vor Gericht. Wie kummern Anwälte in der Bredouille gern? Vor dem Kadi und auf hoher See wäre man in Gottes Hand. Das ist im Hinblick auf die profane Realität zu hoch gestochen. Im Zeichen von »Blinde Kuh« und »Waage«, Justizias Allegorien der Unbestechlichkeit, drängen sich Eindrücke auf, die eher an Basar und Bakschisch gemahnen. In Kammersachen werden die Balken, die dem Wasser fehlen, zur Laienbühne für gemeine Mitarbeiter sowie als dicke Bretter vor dem Kopf missbraucht. Nur wer das Procedere erster Instanzen nicht kennt, erwartet mitunter noch Wunder. Schließlich könnte es sein, dass es den Parteien und dem Podium doch um Wahrheit und Gerechtigkeit geht, hilfsweise um Schuld und Sühne. Doch das ist graue Theorie. Die Praxis wird von kleinkariertem Schacher beherrscht. Pepita ist Trumpf.

Ein Beispiel: Sie haben jemanden im Betrieb, der trotz Zielvereinbarung kein Leistungsträger ist, aber mit höchster Meinung von sich selbst erst nicht mehr für Sie, dann gegen Sie agiert, und sich – zur Rede gestellt – renitent damit zu retten sucht, er wisse halt alles besser als Sie und Sie seien sowieso kein Unternehmer. Bis dahin kein Beinbruch, aber ein schmerzhafter Schienbeintritt. Natürlich findet eine klare Ansage mit Abmahnung statt, um die überspitzen Stollen zu ziehen. Fatal ist, wenn sich der Selbstkocher als unführbar erweist und Marke Maulwurf mit seinem Sprengstoff aus Insiderwissen und Größenwahn hausieren geht.

Plötzlich werden Ihnen seltsame Fragen gestellt, von Leuten, die normal so gar nicht fragen können. Das mögen Kunden sein oder Lieferanten, ihre Mitgesellschafter oder die Bank. Vielleicht kommen Sie auch dahinter, dass die undichte Stelle in Ihrem Betrieb nicht nur mündlich Blödsinn verzapft, sondern dass Stasi-Dossiers kursieren, in denen das Dollste vom Dollen frei Haus nachzulesen ist.

Spätestens jetzt werden Sie Beweise sichern, Ihren Anwalt konsultieren und zur Notwehr übergehen. Die besteht im Arbeitsrecht aus einer fristlosen Kündigung. Der kurz vor Ultimo geschasste Saboteur bemüht daraufhin seine Rechtsschutzversicherung und Sie erhalten postwendend eine Ladung zu einem Gütetermin. Hier stellen mehrere Erwachsene kostenträchtig fest, was in der Natur der Sache liegt, dass nämlich in Anbetracht der hässlichen Verleumdungen kein schöner Vergleich zu haben sei. Nach Wochen unbändiger Papierproduktion – schlimme Sünder sind fleißige Schreiber – folgt die Hauptverhandlung, die minutiös sämtliche Nebenschauplätze klärt, nur nicht den Kasus. Dafür wird juristisch relevant verbrämt, verdreht, verzerrt, erfunden und gelogen oder auswendig Gelerntes rührend aufgesagt. Das Ganze krankt am David-gegen-Goliath-Syndrom. Der Bonus der scheinbar schwächeren Seite wird auch Dreckschleuderern gewährt.

Dann hören Sie den Vorsitzenden sagen, für eine sofortige Trennung reiche der Schaden des Arbeitgebers nicht aus. Im übrigen sei es keiner (!) der Parteien zumutbar, ferner zusammenzuarbeiten. Daher werde auf fristgerechte Beendigung erkannt. Na prima! Da haben Sie doch wenigstens die Abfindung gespart!

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur