Ausgabe 6 • 2004 | Editorial

Mehrfacher Murks von einem Marktführer

Viele Unternehmen lassen sich gute Kommunikation viel kosten, vor allem Konzerne. Dazu gehört ein Internetauftritt inklusive Download-Funktion von Texten, PDFs und Bildmaterial, das Journalisten mundgerecht angeboten wird. Kostenlose Selbstbedienung ist erwünscht. Üblich sind Belegexemplare. Beide Seiten profitieren – und die interessierte Öffentlichkeit. Standard ist, dass es sich um ganz ausgezeichnete Fotos handelt, oft von Profis in Agenturqualität gemacht. Zudem trifft man auf Motive, die auf dem freien Markt gar nicht zu bekommen sind.

Bei alledem kann man sein blaues Wunder erleben, beispielsweise bei der Deutschen Bahn AG. Mehdorns Mannen leisten sich ein digitales Archiv, das alle normalen Maßstäbe sprengt. Jeder Grashalm neben jeder Schiene ist aus mehreren Perspektiven zu sehen. Jede Lok und jeder Wagen, jeder Bahnhof und jedes Detail des deutschen Personen- und Güterverkehrs sind von vorne und von hinten für die Ewigkeit bewahrt. Märklinisten kommen voll auf ihre Kosten. Zur Navigation in diesem Eldorado der Augenlust dienen Strukturbäume mit zahlreichen Unterästen, allein Pflege und Administration des Systems müssen Unsummen verschlingen. Da will man sich als Nutzer freuen, dass es so etwas Schönes gibt, ahnt aber schon, hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Hier waltet Buchhaltergeist der Ärmelschonersorte. Hier sind Rote-Mützen-Junkies unter sich – und wollen es bleiben. Wer keine eingeborene Ehrfurcht vor Haltesignalen beweist, bleibt außen vor. Wer nur als schnöder Kunde kommt, darf nicht an die Krippe.

Zugang zu den Beständen wird trotz anderslautender Versprechung nur Illuminaten gewährt. Auserwählten, die sich nicht an der bräsigen Selbstverwaltungslust des Apparates stören. Mehrere Herren waren in unserem Fall über Tage damit befasst, abwehrende E-mails zu schreiben, ausforschende Telefonate zu führen, absurde Bedingungen zu stellen und auf andere Mitverwalter des gigantischen Bilderschatzes zu verweisen. Alles nur mit dem Ziel, den Zugang zum Gral ihrer seligen Welt aus Puffern und Weichen zu verweigern. Geheimnisvolle Andeutungen bezogen sich immer wieder darauf, dass arger Missbrauch durch heimliche Bebunkerung und durch Zweckentfremdung drohe. So seien moralisch minderwertige Medien bekannt, die tatsächlich einige Jpegs über den akuten Bedarf hinaus auf ihren Rechner herunterladen würden. Man denke! Nicht auszumalen, welcher Schaden durch diese arbeitsökonomische Verfahrensweise zeitgestresster Redaktionen entsteht! Die Kellen hoch! Die kleinen Trillerpfeife laut geblasen! Es droht Kontrollverlust in der Kartenknipser-Kommandozentrale!

Kaum jemand in den letzten Jahren unserer journalistischen Arbeit war so wenig auf der Höhe der Zeit und so renitent wie diese Tu-nicht-gut-Trafo-Truppe mit ihrer ostzonalen Spur-Null-Mentalität, sich selbst unentbehrlich zu machen. Jeder einzelne Bilderwunsch möge ihnen schriftlich gut begründet werden, hilfsweise durch Einsendung des Layouts beabsichtigter Berichte, auf dass sie dann – natürlich nur werktags und „9 to 5“ – mal selber sähen, welches Bähnle da optisch passen könnte. Herr, hilf! Der Konzern wendet Kapazität dafür auf, seinen notorischen Verspätungshang zu exportieren. Oh Wettbewerb, Du tust so Not!

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur