Ausgabe 6 • 2005 | Editorial

Logik des Finanzamts und kein Fahrtenbuch

Jede ordentliche Firma hat mindestens ein Fahrzeug, das auf sie zugelassen ist. Wir auch. Es stammt von einem britischen Hersteller, gehört der oberen Mittelklasse an, hat die obligatorische Vollausstattung, die Lackfarbe heißt »Wedgewood blue« und die Anschaffung war aufgrund besonderer Umstände nicht einmal teuer. Wir haben es halt kaufmännisch gut gemacht und alle waren zufrieden. Zweck der Übung war, in vernünftiger Weise mobil zu sein und schlicht die Standards des Geschäftslebens zu erfüllen. Zur bescheidenen Freude des Chefs wurde ihm in seinem Vertrag auch die private Nutzung gewährt. Die vielbegehrte Gönnergeste stapft freilich mit zwei Pferdefüßen auf.  Zum einen lassen die beruflichen Pflichten kaum Raum für Kilometereskapaden, die nicht der Zukunftssicherung dienen, so dass es auch an Wochenenden, Feiertagen und in Urlaubszeiten an fast jeder Spaßbrauserei fehlt, zum anderen weist die Rechtsprechung zwar scharf darauf hin, dass ein lückenloses Fahrtenbuch zu führen sei, da sonst die ominöse »Ein-Prozent-Regelung« greife, doch irgendwie blieb außer acht, die pekuniären Konsequenzen plakativ zu ermitteln.

Im Vollbesitz der geschilderten Wahrheit, dass die strikt berufliche Nutzung von Anfang an außer Frage steht, wurden zwischen Bett und Büro lauter Auswärtstermine wahrgenommen und drei aufreibende Aufbaujahre gingen dahin, bis es zu einer (glänzend bestandenen) Betriebsprüfung kam. Der Mann vom Amt war eigentlich nett, nur in einer Hinsicht nicht: Das Auto! Hier hakte er ein. Dann erfolgte eine Lektion in Sachen »Wahnsinn mit Methode«. Den Fiskus interessiere nicht, was wirklich passiere, sondern was passieren könnte! Da es kein engherziges Fahrtenbuch gab, sondern nur zahllose Beweismittel anderer Art, werde theoretisch unterstellt, dass ich tagein, tagaus Tank um Tank jenseits meines Jobs verknattere. Dass dem tatsächlich nicht so sei, sei egal. Vater Staat wolle jedenfalls von diesem rein fiktiven Riesenvergnügen seinen ganz realen Teil. Flugs kam der Taschenrechner auf den Tisch und vermeldete in Nullkommanix einen Irrsinnsbetrag von Vielkommaviel, einen fetten, unverdienten Obulus, der hier einem Leistungsträger (Sie erlauben mir die Selbsteinschätzung) für einen geldwerten Vorteil abgezockt werden soll, den es im wahren Leben gar nicht gegeben hat. Außer einem Prozent vom Listenpreis pro Monat auch noch Extraknete für die Fahrten von der Wohnung zur Arbeitsstätte. Ja, wo sind wir denn? Offenbar in Tuka-Tuka-Land, wo die einen, die immer noch keine Sorgen haben, die anderen, die dafür sorgen, dass sie keine Sorgen haben, für blöde Melkkühe halten.

Anschließend machte ich einen Besuch in der Höhle des Löwen. Die Abteilungsleiterin des Finanzamtes begrüßte mich mit dem knappen Satz, dass es aus formalen Gründen keinen Spielraum für Erörterungen gebe. Wer sich nicht der von deutschen Richtern erdachten Prozedur unterziehe, jeden Tritt aufs Gaspedal zu notieren, sei nun mal sofort im Beamtenverdacht, sich potentiell betrügerisch zu verlustieren. Dass man als Unternehmer keine ausgedehnte Freizeit habe, sei jenseits aller Phantasie. Na prima! Meine Frage, ob in Anbetracht so unsinniger Abgaben gegebenenfalls auch die Pleite eines Betriebs in Kauf genommen werde, so dass dann überhaupt keine Steuern mehr fließen, wurde natürlich bejaht.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur