Ausgabe 6 • 2009 | Editorial

Große Krise auch in der Deutung der Welt

Diese Krise gibt zu denken, schon weil sie bei aller Dramatik der in Umlauf befindlichen Kennziffern ziemlich schemenhaft ist. Während sich die Wirtschaft weltweit in Depression befindet, legen die Börsen rund um den Globus seit Monaten Aufschwünge hin, die so tun, als herrsche am Reck eitel Sonnenschein. Dabei sind die Fundamentaldaten anhaltend schlecht, und der gesunde Menschenverstand will auch nicht recht glauben, dass der Budenzauber schon vorüber ist. Man muss ja nur auf seine eigenen Zahlen schauen. Die schreibt man schließlich nicht allein, sondern sie sind die Resonanz auf fleißiges Bemühen. Und da gilt spätestens seit Mitte 2007, dass etwas faul ist, keineswegs im Staate Dänemark, sondern allenthalben. 2008 war nur mau. 2009 kam gar nicht erst in die Gänge. 2010 könnte wieder besser werden und muss es wohl auch, weil sich nicht jeder mit dem Universalprogramm für rote und gerötete Bilanzen retten kann: Kosten runter, in neue Produkte und Leistungen investieren, neue Zielgruppen und Märkte erschließen, Erlöse rauf. Manchen Geschäften ist die Flucht nach vorn verwehrt. Sie brauchen schlicht eine funktionierende Verdrahtung auf ihrem Feld, Lieferanten und Kunden, die sich einfach nur normal verhalten. Liegt diese Grundbedingung für steuerbare Marktteilnahme längere Zeit nicht mehr vor, wird es letztlich zappenduster. Da muss man nicht noch künstliche Bestattungsbeschleuniger wie eine Kreditklemme bemühen. Überhaupt das liebe Geld! Nachdem die Banken Abermilliarden selbst verbrannt haben, regiert jetzt eine solche Angst vor dem Verlust verliehener Kleinbeträge, dass es schon wieder unvernünftig ist.

Bei alledem ist kein klares Bild mehr zu gewinnen. Es gibt eine Wahrheit im engeren Umfeld von Unternehmen, es gibt eine Wahrheit für die eigene Branche, die allerdings von den führenden Adressen ausgegeben wird, es gibt eine Wahrheit der Volkswirte, die alles und jedes belegen, professoraler Experten anderer Fakultäten, von denen auch nie zwei dasselbe denken, der Politiker, in den Kommunen, in den Ländern und im Bund, der Medien, zumal der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen, der Talkshows Marke Maischberger, Illner, Will, und es gibt viele Wahrheiten im Internet. Am Ende des Tages ist alles wahr und auch wieder nicht. Der deutsche Michel wundert sich, wie ihm derweil seine Mündigkeit abhanden kam.

Beispielsweise die Sache mit der Schweinegrippe. Da gab es eine Dokumentation zu sehen, die den Anspruch hatte, alle Oberarme der Republik, die sich zum Impfstich eignen, mit den höchsten Weihen der Wissenschaft aufzuklären, ob sich das Spritzensetzen lohnt. Ein aberwitziges Unterfangen. Jeder medizinische Sachverständige, der sich in diesem Potpourri der Meinungsmache äußerte, riet unter einem Gesichtspunkt zu und unter einem anderen ab, wobei keiner vergaß, seine Kompetenz durch den Vortrag prinzipieller Bedenken zu würzen, deren Klärung freilich mangels hinreichender Empirie unmöglich sei. Und so ein Stuss wird gesendet! Wir haben keinen Mangel an Rohmaterial, sondern an Sinn, also an gesicherter Bedeutung. Es muss doch noch einer den Mut haben, als Virenfachmann zu sagen, was ist.

Aber das ist vielleicht das eigentliche Problem, die Dekadenz, Informationen und Indizien mit Erkenntnis zu verwechseln. Am Fazit ist nicht nur die sammelwütige Stasi oft gescheitert. Das Mögliche ist etwas anderes als das Wirkliche. Die Kunst der Analyse und des belastbaren Urteils besteht nicht darin, alle Facetten zu belegen und zu erörtern bis sämtliche Aspekte, die irgendwie Bestandteil einer Frage sind, ergebnislos ausgebreitet wurden. Nach der Betrachtung geht es um eine abgewogene Gesamtschau der Dinge, um gültige Entscheidungen. Die sind natürlich immer zu treffen. Wer es also wissen will: Krise ja, dauert noch, Impfen nein.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur