Ausgabe 6 • 2011 | Editorial

Von der Verantwortung, Entscheidungen zu treffen

Kürzlich auf der IAA: Die Kanzlerin war zu früh auf einem Stand und sagte es laut: Ihre Mutter habe ihr schon beigebracht, dass dies den Gastgeber in Verlegenheit bringe. Und so war es denn auch. Der Vorstandsvorsitzende war nicht parat, sondern hastete von hinten durch die Halle, um sein eigenes Podium nur knapp vor dem Entschwinden der Entourage zu erreichen. Eine kleine Irritation: Die Politik agiert vor der Wirtschaft! Nun kann man ja Frau Merkel bei aller Sympathie für die souve­rä­ne Führung Ihres Amts nicht nachsagen, dass sie mit kernigen Appellen häufig vornweg als Avantgarde begegne. Viel eher ist der Eindruck verfestigt, andere machten ihr oft vor, was sie dann will. Damit könnte man sich sogar arrangieren, wenn die Vordenker etwas taugten. Tatsächlich aber hat man zumindest in Europa mit einem einzigen Gezerre zur Vermeidung einer Zukunft zu tun, die man sich eigentlich gar nicht ausmalen will. Da fehlen die tröstlichen Bilder. Die armen Griechen stehen am Pranger, aber es könnten gut und gern auch andere Nationen sein, die es vielleicht nur noch nicht ganz so toll mit ihren Zahlen und Zinsen getrieben haben. Auch die generösen Retter, die Schirmherren, die völlig irreale Garantiesummen stellen, haben keine leichenfreien Keller. Alle, die im Circus Maximus unserer Tage mit »Triple A« noch einen Atemzug haben, gehen im Moment an die letzten Grenzen ihrer monetären Möglichkeiten und sind doch längst ohne Aussicht auf Gnade vor dem Finanzmarkt auf den Knien. Die Ratingagenturen pfeifen dankenswerterweise wie die Spatzen vom Dach, dass offenes Feuer unter dem Giebel des europäischen Hauses ist. Alsbald ist das Spiel vorbei.

Indessen muss sich der arme Herr Bosbach, ein leutseliger, aufrechter Fahrensmann aus der alten Garde der CDU, unlängst von Fürchtegott Ronald Pofalla, der Grauen Eminenz farbloser schwarzer Politik, beschimpfen lassen, weil er ein Gewissen und ein Herz am rechten Fleck haben will. Man muss sich ja schämen. Da will einer, der sonst immer dafür ist, einmal dagegen sein und dann das! Die Nerven liegen blank in Berlin und ich kann es gut verstehen. Es ist keine Freude, wahrheitswidrig alternativlos genannte Entscheidungen über Wohl und Wehe für ein ganzes Volk zu treffen, deren Tragweite im volkswirtschaftlichen Nebel der Konsequenzen selbst nicht mit einer extra starken Stabtaschenlampe abzusehen ist. Bekehrte Zocker, die der Versuchung des Casinos abgeschworen haben, hätten vermutlich geraten, gleich nach den ersten Hilferufen der Croupiers in Athen noch mit Chips in den Taschen den Tisch zu verlassen, anstatt immer neue Pfänder beizubringen und zu setzen. Man kann zwar nicht immer im Leben aufhören, wenn es am schönsten ist, aber man kann sich bemühen, nicht vorsätzlich die Zeche für andere zu begleichen. So viel Vernunft im Rausch muss sein.

Aber überhaupt: Der Sachzwang regiert seit Ausbruch der großen Krise 2008 und er regiert mit harter Hand. Die Staatenlenker begegnen nur noch als Getriebene, die seit dem Menetekel der Lehman Brothers das schaumschlagende Wort »systemrelevant« inflationär verwenden. Nichts und niemand wird im Netzwerk der internationalen Bankenlandschaft gebraucht, was keine Werte für die Welt und die Nachwelt schöpft, sondern gewesene Werte zugunsten Weniger verzehrt. Die Erfinder ungedeckter Papiere mögen mir meinen Unmut verzeihen.

Rätselhaft bleibt mir auch, warum wir, die normalen Menschen auf diesem Planeten, diesen grandiosen Humbug so ergeben dulden. Geldinstitute ohne seriöses Geschäftsmodell, die sich horrende Überrenditen im Investmentbanking verordnen, um real unverdiente Gewinne bar jedes konservativen Kernkapitals an Herren im eigenen Hause auszuschütten, müssen nicht sein. Das hat weder Sinn noch Charme. Da ist mir das stets milde Lächeln der Kanzlerin lieber.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur