Ausgabe 7/8 • 2012 | Editorial

Ein Vorbild für Vieles, was nicht Wirtschaft ist

Was bleibt von einem solchen Jahr, das sich nicht wirklich entscheiden wollte? Manches Gute, Menschliches, beruflich und privat, einige Erfolge, die in der Regel hart erarbeitet wurden, aber auch Enttäuschung und Frust wegen unerfüllt gebliebener Chancen, vor allem jedoch viel Verwirrendes, zu viele Dinge, die wahrzunehmen die mediale Teilhabe zwang, ohne sie verarbeiten zu können. Es scheint mittlerweile fast so zu sein, als ob alles jederzeit zugleich geschieht, nur an verschiedenen Orten der Welt. Unklar eigentlich immer noch, warum wir jetzt die große Energiewende haben, warum die Griechen in der Eurozone bleiben, warum das galoppierende Schuldenmachen auf diesem Erdball kein Ende findet, warum man ernsthaft von einer Haus­halts­­kon­solidierung spricht, nur weil man etwas weniger in einem neuen Minus ist als zuletzt? Fragen über Fragen, wobei man bereits daran gewöhnt worden ist, sich nicht mehr um eine rationale Antwort zu bemühen. Irgendwie leben Sinn und Unsinn irgendwie weiter, fast so, als hätte man viele alte Ziele, auf die sich frühere Generationen hinbewegten, als zu schwere Klötze am Bein der dauernden Konjunkturdebatte einfach abgeschafft. Überhaupt fällt auf, dass die weltweite Wirtschaftsentwicklung die allermeisten politischen Themen dominiert. Nahezu alles, was passiert, wird zumindest auch unter ökonomischen Gesichtspunkten erörtert oder hat sich unter diesem Aspekt zu erklären. Das Merkwürdige ist jedoch, dass alles, was außerhalb von Unternehmen gesellschaftlich veranlasst wird, so ineffizient bleibt. Vielleicht Grund genug, kurz systemische Unterschiede zu betrachten, die offenkundig sind.

Blickt man heute auf die beiden Jahrzehnte seit 1990 zurück, ist unverkennbar, wie sehr die Industrie weltweit, zumal der zu Recht so viel gerühmte deutsche Mittelstand, sich selbst im scharfen Wettbewerb konkurrierender Kräfte zu absoluten Spitzenleistungen trieb, und zwar in den Produkten, in den Prozessen, in den Nischenstrategien, selbst in Finanzierungsfragen, sowie nach und nach auch in allen anderen Dingen, die mittelbar robuster machen und die Ertragskraft nachhaltig heben. Kein Gedanke und keine Idee, der und die nicht Gegenstand von Optimierung würde, von Ingenieurskunst und Patenttüftelei, notfalls durch Beraterhilfe. Die Hersteller sind die eigentlichen Helden der Evolution. Sie haben vollbracht, was auf keinem anderen Feld in so knapper Zeit zu höchster Reife kam und kommt. Der ständig zitierte technologische Fort­schritt hat viel mehr Väter als die Kommunikations- und IT-Branche Mitarbeiter hat. Die Computerisierung als solche war natürlich der Quantensprung, die Vernetzung und das Tempo der Interaktion. Doch das ist nicht einmal die Leistung an sich, sondern nur die Voraussetzung dafür, um zig tausende Leistungen der angesprochenen Art zu erbringen. Es gibt unzählige Waren, Sachen und Artikel, die trotz kürzester Lebenszyklen als solche perfekt für ihre Zwecke hervorgebracht werden. Indessen aber führt der Weg in die Isolation.

Was das meint, wird klar, wenn man die schwer veränderbaren Zustände und die minimalen Entwicklungen auf vielen anderen Feldern vergleicht. Was hat sich im Bildungswesen getan? In der Rentenversicherung? Im Gesundheitswesen? In der Außenpolitik? In diversen Studienfächern, die einst unser Weltbild prägten? Im Wasserball, im Badminton, im Bob­fahren? Und im öffentlichen Raum? Haben wir intelligente Ver­kehrssysteme? Wurde die Bürokratie entschlackt? Haben wir verständliche, sinnvolle, humane Gesetze? Und was tragen die Kirchen und Glaubensgemeinschaften zum Fortschritt à la Fertigung mit 95 % Kapazitätsauslastung bei? Auf keinem Gebiet ist Ähnliches zu erkennen. Die Wirtschaft, ihre Lenker und ihre Aktiven, sind so weit voraus im Sinne von Lösungsorientierung und Effizienz, das einem Angst und bange werden kann. Dabei ist es doch bloß ein Grund zur Freude, weil es zeigt, was geht.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur