Ausgabe 7/8 • 2013 | Editorial

Aufgeklärte Monarchie mit freudigem Parlament

Alles ist gut. Deutschland hat eine neue Regierung. Die Kanzlerin bleibt. Damit ist gesagt, was zu sagen ist. Keine Zeitenwende in Sicht. Die Welt da draußen ist irgendwie weit weg. Die Bundesrepublik erfreut sich großer Gleichförmigkeit, und zwar auf hohem Niveau. Die Probleme unserer Gesellschaft sind seit langem eingezirkelt und abgegrenzt. Man kennt »Hartz IV« als Dauerbaustelle, Beschaffungskatastrophen der Bun­des­wehr, einen tiefgründigen Bahnhof in Schwaben, ei­nen Scheinflughafen im Osten und eine elfenhafte Elbphilharmonie, aber es gibt keine gemeinen bürgerlichen Fortschrittsthemen. Kol­lek­tiv herrscht gute Stimmung vor. Nur die Unternehmen sind innova­tiv.

Immerhin das! Wie sie das eigentlich machen, weiß man nicht, aber sie machen es. Jeder Mittelständler für sich sowie ganze Sparten und Branchen. Diese Firmen und Betriebe, gelenkt von klugen Strategen, die zugleich gute Taktiker sind, und Spezialisten ihres Fachs, und erfahrene Bedarfs­er­mittler, und radikale Nutzenstifter, und hart gesottene Verhandler, und geschickte In­ter­es­sen­vertreter, Letzteres nicht zuletzt, sind die Profis der Gegenwart, zumal Familienunternehmen. Was hat sie dazu gemacht? Die lange Kontinuität im Führungspersonal, die Reifung ihrer Instrumente und die Schärfung ihrer Verhaltensweisen, kurz: Die Länge ihrer Lernkurven und ihre Anpassungsfähigkeit an die Läufte der Zeit bei gleichzeitiger Zieltreue zu sich selbst.

Demgegenüber fällt die Politik notorisch ab, was daran liegt, dass Parteien sich grund­sätz­lich ideologisch definieren, also durch ein naiv verkürztes Weltbild, in dem es viel schwarz gibt und viel weiß, gut und schlecht, richtig und falsch, Freunde und Feinde, während das Leben in seiner Pracht regelmäßig in tausend Schattierungen erscheint, mal so und mal so, eben nicht in Klarheit, sondern in einem ewigen Komparativ, gemessen an dem Vielen, was man kennt. Soll heißen, der durch Wahlen vorgegebene Wandel der richtungsweisenden Kräfte in unserer Demokratie mag wohl ein Mittel gegen Verfestigungen, Verkrustungen und Verfilzungen sein, aber er ist auch ein Lähmungselement, weil es halt keine Varianten ein- und derselben Vernunft geben kann. Regatten werden nicht durch Ausflüge in Flauten gewonnen, wäh­rend der Wind auf der Direttissima weht. Siegreiche Spring­reiter meistern den Parcours auf der Hinterhand und steigen nicht nach jedem Oxer vom Pferd, um es zu kosen. Insofern wird man im Rückblick auf Legislaturperioden, in denen es kaum besser, sondern bloß anders wurde, Stag­nation feststellen, leider auch in der Besinnung auf Schwarz/Gelb seelig. Phrasen ersetzen eben we­der Integrität noch Talent noch Wissen noch Können noch Mut noch Tatkraft noch Fortune.

Je nach Temperament als erstaunlich bis bestürzend durfte wahrgenommen werden, wie sehr sich die neuen Koalitionäre auf breiter Front miteinander verbrüdert und verschwestert haben. Wie rasch und reibungslos die Gräben überbaut wurden, von denen wir dachten, sie zeigten uns das Pro und Contra im Streitwettbewerb einer früheren Regierung und einer früheren Opposition. Es menschelte bald. Frau Nahles und Herr Dobrindt hielten sich plötzlich in der avisierten Infantenrolle aus und konnten gar als künftige Kabinettsmitglieder gemeinsam lächeln.

So viel Eintracht muss dann auch wieder nicht sein. Kompetenz wird in jeder ordentlichen Organisation höher als Kameraderie und Kumpanei gewertet. Aber vielleicht ist es in der rasanten Globalisierung auch gar nicht mehr so wichtig, wer am Ende in Berlin das Gemeinwesen prä­si­diert. Vielleicht tagen und arbeiten die Ministerräte in den entwickelten Ländern so wie sie sich darstellen, heute schon auf einem Nebenschauplatz der Weltgeschichte. Vielleicht kommt es da­rauf an, die Zukunft aus eigener Kraft pragmatisch zu gestalten. Was Unternehmer halt tun.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur