Ausgabe 7/8 • 2003 | Editorial

Starkes Bauchgefühl schlägt kühles Kalkül

Sie kennen das: Es gibt Menschen, da ist alles, was noch kommen könnte, schon vorbei, bevor es begonnen hat. Beispielsweise redet jemand auf Sie ein, dessen Tonfall sehr vertraut und verständig klingt, doch der Gedankengang ist Ihnen völlig fremd. Sie hören ihn lauter Vokabeln sagen, die auch ihre Vokabeln sind, und trotzdem gelingt kein gemeinsamer Sinn. Die Begriffe werden geteilt, aber die Bedeutungen nicht. So, als hätte Ihr Vis-a-vis die falsche Lernhilfe für den Duden gehabt. Die Probe aufs Exempel gelingt durch Humor. Sobald Sie den Grad der Gedankenverwandtschaft mit Ihrem Lieblingswitz testen, stoßen Sie auf blanken Unverstand. Sie lachen sich schibbelig, während Ihr Gegenüber ungerührt weiterpalavert als wolle er Ihr Seelenbruder sein.

Für den urteilenden Verstand eine schwierige Situation: Was so klingt, wie das eigene Denken, meint offenbar nicht, was man selber meint. Das kann sich bitter rächen. Spätestens, wenn Sie mit diesem Menschen ein Problem zu verhandeln haben, bei dem Sie wissen müssen, wie zuverlässig seine Auskünfte und Absichtserklärungen sind. Ob es sich um wohlfeile Lippenbekenntnisse handelt, die Ihrer bequemen Abspeisung dienen, oder um felsenfeste Überzeugungen, die schließlich mit Herzblut zu Taten werden. Das eigene Gefühl übrigens empfiehlt einem früh, in solchem intellektuellen Treibsand nicht weiter zu wandern, während der Verstand von absichtsvoll gebauten Wortkaskaden länger als einem manchmal gut tut getäuscht werden kann. Wer nur rhetorisch Ihre Wellenlänge streift, muss keinen Drehknopf im Kopf für rauschfreien Empfang Ihres Senders haben. Wieviel Megawatt Energie und wieviel Meter Mast bräuchten Sie wohl, wenn Sie bei einem solchen Fehlfreund je etwas reklamieren müssten?

In Geschäftsbeziehungen droht bei jeder Fehlinterpretation Gefahr. Wer das erlösende »ja« eines unsicheren Kantonisten für gewisse Zustimmung nimmt, weil diese süße Lesart Umsatzhoffnungen nährt, statt nachzubohren bis zum eigentlich auf Abruf gespeicherten »nein«, sitzt einem Trugschluss auf. Business ist People’s Business. Allerdings kommen nur solche Menschen im Wirtschaftsleben weit miteinander voran, die echte Geistesbrüder sind. Ohne Wesensnähe von Produzent und Kunde, von Chef und Führungskraft gibt es keine Wahrnehmungsidentität, also auch keine strategische Allianz, kein mit vereinter Kraft erkanntes und verfolgtes Ziel, geschweige denn ein Ziehen an einem Strang. Geben Sie sich also nie mit noch so raffinierten Nettigkeiten zufrieden, sondern fragen Sie nach, wie und wo ein anderer sich wirklich definiert. Lassen Sie keine Ausflüchte zu, kein Versteckspiel und keinen Firlefanz. Vor allem aber dulden Sie keine Indifferenz oder windelweichen Positionen.

Wenn einer nicht sagt, was er denkt, oder nicht meint, was er sagt, oder nicht kann oder nicht darf, was er will, sollte man alsbald an Rückzug denken. Indessen weiß die innere Stimme sofort Bescheid. Der Bauch befasst sich nie mit schierem Schein. Die Magengrube meldet schlicht: Hier passt was notorisch nicht, während selbst scharfer Verstand Suggestionen erliegt, weil vermeintlicher Nutzen winkt. Echte Unternehmer freilich sind mit legendärer Intuition dagegen gefeit.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur