Ausgabe 7/8 • 2006 | Editorial

Maximen moderner Mitarbeiterentwicklung

Unternehmer geben sich natürlich niemals Illusionen hin, aber sie träumen doch davon, nur Menschen im Betrieb zu haben, die es richtig können. Die meisten sind sicher auch mit ihren Belegschaften zufrieden und tun im Übrigen viel, um das einmal erreichte Niveau mit internen und externen Schulungen hoch zu halten. Gleichwohl gibt es in jedem Tagesgeschäft reichlich Aufgaben, die nur scheinbar festen Regeln folgen und die davon leben, dass die, die sich dieser Dinge annehmen, die kostbare Gabe besitzen, den Sinn der Sache intuitiv zu erfassen, um je nach Situation ergebnisorientiert zu agieren. Schön, wenn das klappt. Solche Männer und Frauen, die das rare Kaliber zur operativen Vielzweckwaffe haben, sind moderne Universalgenies und zu hofieren. Als vom Himmel gefallene Meister der praktischen Vernunft verkörpern sie eine souveräne Generalkompetenz, die Mehreres auf einmal leistet: Effiziente Zielerreichung und, vor allem, Problemabstinenz. Demgegenüber das klassische Blödmannsgehilfensyndrom im Büro, auf dem Bau oder in der Fertigung, das Perpetuum mobile unfreiwilliger Selbstbeschäftigung: Einer soll was tun und tut es auch, muss aber gleich wieder was tun, was er gar nicht tun soll, weil er das, was er eigentlich tun sollte, nicht gut gemacht hat. So ist er dann zwar dauernd »busy«, bloß hat niemand was davon.

Die Differenz der beiden Verhaltensmuster liegt in der Überlegenheit, Prinzipien verstehen zu können, statt sklavisch dem immer anderen Einzelfall zu erliegen. Die alten Wikinger hielten sich tatsächlich noch Wochen bei unwirtlicher Witterung damit auf, in finsterer Runde im Freien über weither angeruderte Missetäter zu Gericht zu sitzen, um über jede noch nie dagewesene Störung des Gemeinwohls in jeder noch so seltenen Facette zu palavern, um irgendwann ein unwiederholbares, weil hoch individuelles Strafmaß zu verhängen. Die moderne Juristerei, die es klug verstand, vergleichbare Vergehen zu Gruppen zu ordnen, war demgegenüber abfertigungsbezogen ein Quantensprung, jedenfalls theoretisch, so wie die Mechanisierung im Rückblick auf das Zeitalter der Manufaktur.

Die Kunst erlöswirksamer Kommunikation in unserer hoch komplexen, globalen Multi-Kulti-Multitasking-Wirtschaftswelt besteht darin, mit seinen geistigen Kräften zu knappsen und nicht jeden »Spam« auf dem Rechner und nicht jeden Satz auf dem Flur mit Aufmerksamkeit zu adeln, geschweige denn, millionenfache Mutmaßungen über dies und jenes mit solider Information zu verwechseln. Zum Glauben geht man in die Kirche und zum Wissen immer noch in die Bibliothek. Wer auf seinem Feld eine gewisse Übersicht behalten will, muss Wahrheitsfilter beherrschen, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, muss also Quellen auf Zuverlässigkeit prüfen, zeitliche Abfolgen nachhalten (wer hat wem wann was gesagt), muss verbale Strukturen im Hinblick auf den tieferen Sinn interpretieren, logische Verknüpfungen erkennen und Wahrscheinlichkeiten bewerten. All das viel mehr, als sich an Vermeintliches in jedweder Form zu verlieren.

Im Zeitalter virtueller Echtzeit auf dem Planeten, wo das, was galt, gleich nicht mehr gilt, macht es keinen Sinn mehr, Einzelbeispiele um ihrer selbst willen zu verhandeln, wenn daraus kein Raster für sämtliche künftigen Beispiele erwächst.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur