Ausgabe 7/8 • 2007 | Editorial

Rücktritte, Nachfolgen und Führungsprobleme

Angela Kanzlerin ist viel auf Reisen. Mal bei Putin, mal bei Bush, in Indien, in China und in Afrika. Kürzlich war sie sogar mitten in Afghanistan, dem neuen Schwurort deutscher Innenpolitik. Man sieht sie folglich kaum in ihrem schönen Amtssitz an der Spree. Das ist schlecht. Wer herumkarriolt, sollte seinen Laden gut im Griff und in Ordnung haben. Zumindest halten Unternehmer das so. Indessen darf man den Eindruck haben, dass die große Koalition in guten Zeiten einem Nichtangriffspakt ohnmächtiger Gegner gleicht und in schlechten Zeiten heckenschießend mit sich selbst im Argen liegt. Nie traten mehr Hinterbänkler als heute in den Medien als Wortführer auf! Nie war weniger Opposition! Wer wüsste wirklich, welche Vision für unser Land die erste Garnitur der früheren Volksparteien leitet, wo doch die wahren Volkstribunen, Gysi und Lafontaine, Aufputschmeister einer seltsam ahistorischen, reaktionären Linken sind? Wo wollen CDU und SPD hin? Was haben sie vor? Welche Rolle hat sich Politik überhaupt noch reserviert?

Nachdem es zuletzt bereits in Bayern einer schrägen Sirene aus Fürth mit den Waffen einer unfassbaren Frau gelang, den letzten machtbasierten Ministerpräsidenten der Republik so anzuschickern, dass ihn seine eifrigen Erben Beckstein und Huber auf offener Bühne meucheln konnten, mag man sich nun über die Rochaden verwundern, da Franz Müntefering abgedankt hat. Der Vizekanzler einer großen Wirtschaftsnation wirft hin und keiner drängt sich auf, ihn zu ersetzen! Keiner, der könnte, jedenfalls, sondern bloß zweimal einer, der sagt, dass er will.

Entweder haben diese hohen Posten des Ministers für Arbeit und Soziales sowie die Merkel-Hospitanz Frühstücksdirektorenqualitäten, so dass sie Hinz und Kunz zuzuschanzen sind, oder wir erleben einen personellen Offenbarungseid, der jeden Familienbetrieb, der seinem alten Lenker so wenig Ehre angedeihen ließe, im Markt blamierte. Der Nachfolger im Kabinett, Olaf Scholz, ist eine Karte, die nach verlorenem Spiel längst wieder unter dem Stapel liegt und kein Ass aus dem Ärmel. Als Generalsekretär seines Vereins währte es nur kurz, bis der Job hinüber war. Schröder mochte den Mann. Münte hat ihm öfter die Steigbügel gehalten.

Das gemeinsame Problem, das er mit Außenminister Steinmeier, aber auch mit Finanzminister Steinbrück teilt, ist, dass keiner der drei in der Sozialdemokratie Stallgeruch hat. Während der »Scholzomat« als gelernter Systemtechnokrat in allen zweiten Reihen der Republik Akten abhaken kann, sind die beiden anderen eher praktischer Vernunft als Arbeiterethos verpflichtet. Insofern repräsentieren sie die schon wieder abgeschossene »Neue Mitte« mehr, als ihrer Basis recht sein wird. Sie sind keine Parteisoldaten, sondern Selbstdenker in staatlicher Mission.

Was aber tut Kurt Beck, der Pfälzer Meckes? Er stellt sich neben das Ereignis in Berlin, dessen suboptimale Lösung sich auch seinem Selbstmisstrauen verdankt, und singsangt es zu Tode. Natürlich war das die Chance für jeden Möchtegernmonarchen, um sein Gewicht in die Waagschale zu werfen und in eine größere Verantwortung für das Ganze zu gehen. Wer in einem solchen Moment kneift, ist nicht zu Höherem berufen. Glück im Unglück: Andrea Nahles wurde noch nix.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur