Ausgabe 7/8 • 2010 | Editorial

Jedes Jahr eine neue Visitenkartensammlung

Was trifft man nicht alles für Leute im Laufe eines Kalenders und was hat man nicht alles gedacht, gemacht und getan, um Dinge anzuregen und voranzubringen. Nicht am meisten, aber viel hat man gewiss auch gesprochen. Im Rückblick jedes Mal ein Potpourri der verschiedensten Vertreter(innen) ihrer jeweiligen Zunft. Das ist der Vor- und Nachteil, wenn ein Geschäftsmodell nach (fast) allen Seiten offen und kommunizierbar ist. Was bleibt, sind die Resultate, also das, was als Abrede und Auftrag zustande kam. Das ist erinnerbar. Auch das, was Anekdotenkaliber hatte. Der ganze Rest schnurrt irgendwann auf Scheckkartengröße zusammen und fällt von Zeit zu Zeit wie absichtslos, zudem falsch und störend im Rahmen der Suche nach dem Konkurrenzprodukt eines anderen Spenders als Kleinkarton in die Hand, der allenfalls in der besonderen Sekunde des Tauschs den einzigartigen Eindruck machen konnte, den er sollte. Schon mit dem ersten Befühlen, meist, dass man gerade sitzt, mit dem feinmotorischen auf dem Tisch Herumschieben, wenn es Längen gibt, im Dialog, spätestens aber mit dem fahrigen Wegstecken in ein Etui, in Sakkotasche, Manteltasche oder Mappe, zumal, wenn die Augen nicht bei der Sache sind, weil sie noch die Begegnung beenden, beginnt der physische Verfall des Produkts. Es gibt unweigerlich Eselsohren, Knicke und Kontaminationen mit Blütenweißfeindischem aller Art, noch bevor der Heimtransport beendet ist, wo, im Büro, erst undankbare Tage später das pietätlose Einschieben oder Abwerfen in ein Zwischenkartenlager erfolgt, die Beimischung des zuletzt noch Achtung einflößenden Unikats zu einem mangels Normformat unregierbaren Scheiterhaufen respektlos archivierter Gedächtnisstützen. Die Aura ist hin. Der magische Moment der maximalen Erfolgshoffnung dann wohl auch.

Die symbolische Handlung, den nun anmaßend wirkenden Papierersatzträger der Person, die man nach höflicher Anbahnung aufgesucht hat, und der, solange die Unterredung weihevoll war, gleichwertig war mit ihrem Charisma, mit ihrer Statusmacht und ihrem stets möglichen Erlösungssatz »Wohlan, so machen wir’s«, der aber vielleicht nicht kam, seiner falschen Büttenwürde zu berauben, hat nichts von Enttäuschung oder Resignation. Die profane routinierte Abwerfgeste, mit der die Projektion, die sich bis zum Empfang des Emblems nur auf den Eigentümer gerichtet hatte, im Zuge der Wegsortierung seiner anfassbaren Namensgabe im Kopf beendet wird, befreit aus der Gedankenschleife, der vorauseilenden Sorge um einen Sieg, die für die Vereinbarung des Termins mitverantwortlich war, weiterhin innezuwohnen. Man ist wieder frei für ein neues Streben nach einem anderen Sieg. Dass sich das emotionale Ablaufmuster in zwölf Monaten womöglich zig Mal wiederholt, um irgendwann seinen Planerlösen zu entsprechen, tut nichts zur Sache. Wer weiß, wie man heute mit weniger Antechambrierkilometern zu Ergebnissen kommt, möge sich melden. Das Merkwürdige aber ist, dass man bei entspannter Betrachtung des eigentlich peinlichen Zeugnisstapels vergeblichen beruflichen Bemühens mehr gerührt als gefrustet sein kann. Das hat damit zu tun, dass sich der gefühlte Aufwand der Reise, um aus erster, autorisierter Hand, in den Besitz dieser später dann traurigen Trosttrophäen zu gelangen, durchaus auf der Habenseite der Kaufmannsseele buchen lässt, nämlich dann, wenn zwar nichts Zählbares auf den Zettel kam, bei ganzheitlicher Bewertung aber das menschliche Miteinander stimmte, dass sich im »Small talk« oder in gemeinsamen rhetorischen Exkursen jenseits des eigentlichen Zwecks der Zusammenkunft manifestierte. Schließlich wäre ja auch mit dieser Erfahrung, sich jederzeit auf anderem Feld in Übereinstimmung bringen zu können, etwas für eine geschäftlichen Nutzen nicht entbehrende Zukunft gewonnen, wobei das, was ich meine, nicht Networking ist, sondern, dass man noch im Misslichen fiktive Freundschaft finden kann, also Menschen wie Mezzanine.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur