Ausgabe 7/8 • 2011 | Editorial

Krise, Klima und die künftige Kommunikation

Der Bonner Karikaturist Wilfried Mohr hat es dieser Tage mit spitzer Feder auf den Punkt gebracht. Zwei deutsche Michel bierselig an der Theke. Maunzt der eine vor sich hin: »Du, der Euro schadet der Krise.« So isses, möchte man sagen. Die Dinge stehen auf dem Kopf. Wir haben eine brummende Wirtschaft in einem internationalen Umfeld der Instabilität. Die Systeme der Schulden eskalieren auf allen relevanten Ebenen und drohen, sich selbst zu zerstören. Der Ausnahmezustand des Kapitalismus ist zum Normalfall geworden. Wir kriegen die kreisenden Geier der Finanzmärkte nicht mehr los. Alles, was zuletzt politisch beschlossen wurde, war wohl wieder nur ein Etappenziel auf der großen europäischen Staatsfahrt vor die Wand. Die »Tour de France«, die Tour der Leiden, mit ihren strapaziösen Pässen in den Alpen und in den Pyrenäen, die hier als Bildbezug dient, ist mit ihren unermüdlichen Gipfeltreffen in Berlin, Paris und Brüssel zur Tortur der Wirtschaftsordnung geworden. Dabei darf man den bösen Rating-Agenturen, die ihr Drei-Buchstaben-Alphabet durchdeklinieren, ja eigentlich dankbar sein, da sie ein Thema, das bisher stets nur in Sonntagsreden rein rhetorisch beklagt wurde, endlich auf die Agenda bringen, leider nur mit allen Konsequenzen, die eine Begegnung mit der harten Realität nun einmal hat. Das gilt für die Menschen an der Peripherie der Union, aber es gilt auch für uns, direkt und indirekt, wie die rückläufigen Exporte in rezessionsbereite Volkswirtschaften zeigen.

Die Rettungsschirme nehmen inzwischen Überhand und sie werden immer mächtiger. Wer soll sie eigentlich im Wind der Anleihemärkte halten, wenn aus den heute schon erwarteten Schauern doch demnächst ein Hagelsturm wird? So wenig wie Papandreou und Berlusconi das eigentliche Problem gewesen sind, so wenig tragen die noch im Job befindlichen Protagonisten der vom Kraftschwund des Euro betroffenen Nationen zur wirklichen Behebung der Kalamitäten bei. Alle wippen gemeinsam über dem Abgrund auf einem ganz dünnen Ast, während die Banken, um einen der Treiber des heraufziehenden Fiaskos nicht zu vergessen, in den Kulissen des Kanzleramts die Schwachmatenresultate ihrer Stresstests diskutieren, um die öffentliche Hand irgendwie davon abzuhalten, selbige im Boniwürgegriff bei ihnen anzulegen.

Bei alledem darf man den Eindruck haben, dass das viele neue Geld, das frisch gepresst aus Inflationsgranulat im Namen diverser Währungswächter rund um den Globus schießt, nur dazu dient, den Flächenbrand zu befeuern. Die Sanierungsmilliarden der Leitwolfstaaten, die zu welchem Zweck auch immer hergegeben werden, werden sofort zu Chips im Casino. Öl und Gold, Rohstoffe und Energie sind unnatürlich teuer, weil der reale Preis einen hohen Spekulationsaufschlag hat, der ganz andere Motive als die natürliche theoretische Knappheit reflektiert. Am Ende aller Tage wird es dann wie einst bei König Midas sein. Auch die gefeierten Gewinner der Umverteilungsmaschinerie, die ungekrönten Könige der »Wall Street«, die »Hedgefonds«-Helden im Angelsächsischen, die Staatsfonds-Manager in Asien, die Pensionskassen-Player auf den Philippinen, in den Niederlanden und die russischen Oligarchen, sie alle werden verlieren. Wir, die wir doch das Volk sind, hätten indessen die Wahl, uns noch gerade eben für eine Evolution zu entscheiden, die diese unheilvolle Dynamik in zukunftsfähige Bahnen lenkt.

Allerdings sollte man keine Illusionen mehr haben. So wie der Klimawandel weitergehen wird, weil nicht zuletzt die Schwellenländer unseren Wohlstand wollen, als ob das, wenn die Gletscher weg sind, wenn Ackerland versteppt und wenn Orkane wehen, überhaupt noch interessiert, sind die Chancen auf globale Balance bescheiden. Hinzu kommt noch etwas: Die Vielzahl der digitalen Kanäle, die uns völlig überfordern. Auch insofern wäre Besinnung zu wünschen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur