Ausgabe 9 • 2005 | Editorial

Geschäftsgrüße nicht nur zur Weihnachtszeit

Man bekommt ja nicht mehr so viel Post, vielleicht noch ein Drittel oder Viertel früherer Mengen. Nicht wenige Unternehmen haben dementsprechend kein Abholfach mehr und kehren offiziell zu ihrer alten Straßenadresse zurück. Auch Faxe tendieren schwach, werden allerdings immer noch gern für gewisse »Brandbriefe« genutzt, die in Echtzeit »vorab« erschrecken sollen. Das Meiste passiert heute per Mail, mit den bekannten orthografischen und stilistischen Kannibalismen in der Schreibkultur. Insofern stellen Grußkarten zum Christfest und zum Jahreswechsel ein kleines Überbleibsel vergangener Zeiten dar.

In der Empfängerpraxis lassen sich mehrere Kommunikationsmuster unterscheiden. In die erste Gruppe fallen mittelprächtige Faltkarten mit komplett vorgedrucktem Text, die handschriftlich unterkrakelt sind. Hier hat sich der Absender offenbar emotionslos der Pflicht verhaftet gefühlt, seinen Geschäftsverteiler zu beschicken. Die Steigerungsstufe besteht in meist schräg gestaffelten zwanglos erscheinenden Unterschriften ganzer Teams, die ratlos machen ob ihrer nur vermeintlich persönlichen Note. Die zweite Gruppe legt mehr Wert auf Ambiente in Größe, Aufmachung und Papierqualität und tritt vor allem selbst als Urheber persönlicher Zeilen auf, die im Wunschabteil freilich mit den bewährten Knappworten auskommen: »Alles Gute« und »Erfolg«! Neuerdings ist der Trend zu sehen, diesen beiden Klassikern des Unverbindlichen als Zugabe die »Gesundheit« beizugesellen. Die dritte Gruppe hingegen treibt Aufwand und widmet sich konsequent. Hier herrschen kühne Raumaufteilung und gediegenes Füllerblau, das gedrechselte Bütten quillt und saugt und die Anredefloskel weicht vom förmlichen »Sehr geehrter« zum traulichen »Lieber« auf. Die jahreszeitlich fromme Botschaft bleibt freilich auch im pompösen Gewand oft genug im Ansatz stecken.

Dezent beigegeben ist solcher Mühewaltung bisweilen auch ein individuell anmutendes Geschenk, das seinerseits zwei Möglichkeiten kennt: Alkohol oder kein Alkohol, ersterer als Weinbouquet, als Einzelflasche, Duo-Gebinde oder gar im Terzett, häufiger rot als weiß und fast stets ausländischer Provenienz. Noch anspruchsvoller, weil mit dem Risiko der Geschmacksverfehlung, CDs in der Bandbreite gediegene Klaviermusik bis Pop, auch als Mitschnitt eigener Sponsoring-Aktivitäten. Fazit: Was mehr zählt als der richtige Knopf im Loch ist die Geste.

Wie aber warm revanchieren, wo doch nicht klar wird, was die merkantile Gabe wirklich motiviert? Wo nicht sicher ist, wie und wo die nutzenoptimierte berufliche Beziehung private Gestimmtheiten berührt? Wie denn heute noch christliche Festtage mit Innehalten, Einkehr und besinnlichem Familienglück mit einem Bilanzstichtag zu Silvester in Zimtplätzchensätze pressen, ohne dass sie platzen?

Wo nüchternste Gangart im Tagesgeschäft den Wettbewerb definiert und wo kein Stall in Bethlehem mehr hilft, wenn Vorteile ohne Rücksicht auf Verluste realisiert werden, gilt: Lieber nichts geschrieben und jedem seine religiöse Rüstzeit selbst überlassen. Auch nichts geschenkt und gespendet, schon gar nicht hinausposaunend, sondern bestenfalls still und leise und dann hoffentlich angemessen viel.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur