Ausgabe 9 • 2006 | Editorial

Die nagende Ungeduld mancher Marathonläufer

Ausdauer ist eine Eigenschaft, die zu schönen Erfolgen befähigt. Zu befriedigenden Siegen gegen nach und nach erlahmende Konkurrenz. Ihre Quelle ist stete Selbstmotivation, basierend auf Vertrauen in Talent und Kraft. Außerdem sollte man seine stillen Reserven kennen. Des weiteren werden Strategie und Taktik gebraucht, um lange Distanzen an Geist und Körper frisch zu überwinden. Klug ist sicher auch, sich vor dem Start keine Illusionen über die Strapazen der Strecke zu machen. Manche Wege haben keine Abkürzung. Sie sind, was sie sind: Steil, steinig oder schwer und halten trotz Planung manche Plagen bereit. In diesem Sinne ist im Geschäftsleben nicht zu erwarten, bei jedem Anlauf gleich belohnt zu werden. Nur gewisse Angebote treffen ausgehungerte Nachfrage an.

Allerdings gibt es seit geraumer Zeit die unselige Tendenz, den Vertriebsdruck des herstellenden Gewerbes, der natürlich auch für Massendienstleistungen gilt, auf anspruchsvolle Dinge zu übertragen, die seit Menschengedenken nur und am besten im Rahmen gewachsener persönlicher Beziehungen gedeihen. Viele, die besonderes Kundenvertrauen brauchen, echauffieren sich in Hysterie, auch sie müssten in unserer modernen Echtzeitzeit in der Lage sein, schnell drehende Bestseller zu generieren. Das klappt natürlich nicht und kann gar nicht klappen. Menschen ändern sich langsamer als die Mode. Konkret hat der Irrglaube Konjunktur, man könne in sensiblen Sympathiegeflechten verkapptes »Hard selling« wie in einem Strukturvertrieb etablieren, zumindest ansatzweise, also auf dem ersten Meter, wenn auch kunstvoll getarnt. Dazu gehört, dass kaum jemand, der maßgeschneiderte Lösungen für Nobelverbraucher verkauft, noch damit zufrieden ist, sein Schaufenster zu bestücken und in angemessener Weise zu werben, auf dass seine erlesene Zielgruppe sich im Markt flanierend selbst entscheide, ob sie sich ein Urteil über die einzigartige Auslage und deren Dekorateur bilden will.

Statt dessen drängelt und quängelt man sich selbst, man könne dies nicht erwarten, man müsse regelmäßig näher ran an sein »Target«, um es durch gezielte Zuwendung kirre zu machen, präziser, um mit Understatement und Verwöhnkultur höchstselbst all das auszustrahlen, was das eigene Produkt oder die eigene Arbeit offenbar nicht auszustrahlen vermag. Es geht folglich um Nachhilfe, wofür es wie in schulischen Zusammenhängen auch hier immer mehrere mangelhafte Vorbedingungen gibt. Der eine notorische Nahkämpfer kämpft damit, sich in seinem Wettbewerb nicht mehr oder nicht genug zu differenzieren. Der andere veralbert das legendäre Aldi-Prinzip und ist mit komplizierter Materie geschlagen, die ellenlange Erklärungen braucht. Richtige Filous gehören zu einer ganz unerquicklichen Fraktion, die von dicht besehen Dutzendware als Ringeltäubchen hochzischen lassen will, wozu es freilich Anzugschubbern, Visitenkartensammeleien, wärmste Worte und gewaltige Wolkenschiebereien braucht.

Wohl dem, der noch den Regeln ehrwürdiger Laufsportarten genügt. Entweder, man kann wirklich was, als Bester unter seinen Konkurrenten, und zeigt es Tag für Tag. Dann spricht sich das normalerweise früher oder später beim sachkundigen Publikum rum. Oder halt nicht. Dann aber helfen auch keine Ambitionen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur