Ausgabe 9 • 2007 | Editorial

Gewisse Konstanten auf allen fünf Kontinenten

Auch wenn unsere »Zeitschrift für Familienunternehmen« sprachbedingt nicht richtig weltmarktfähig ist, so dass wir lei der kaum vom Boom im fernen Osten profitieren, steigt die bundesweite Auflage stetig. Aus kleinen Anfängen sind 50.000 Exemplare geworden. 2008 werden es 60.000 sein. Dabei steht alles, was wir seit den späten neunziger Jahren publizieren, unter dem Generalschlüssel der Globalisierung. Mit diesem Phänomen ist eine nachhaltig neue Dimension in die Wirtschaft gekommen. Enorme Wohlfahrtschancen paaren sich mit großer Unübersichtlichkeit. Unternehmensführung hat mehr Parameter als jemals zuvor zu kalkulieren. Und die Überraschungen nehmen zu, wie die hübsche Krise in der amerikanischen Hypothekenbranche mit ihren schwer berechenbaren Auswirkungen zeigt.

Der Mittelstand agiert im Zeichen hoher Komplexität und hoch getakteter Geschwindigkeit. Die Komplexität resultiert aus der Vervielfachung der Aktivitäten, aus länderspezifischen Rahmenbedingungen und Risiken sowie aus der Vernetzung mit Kunden und Lieferanten. Auf einem riesigen Spielfeld aber, das immer unreglementierter wird, wachsen die Varianten der Spielzüge exponentiell. Analytisches Denken, Weitsicht, präzises Reporting und straffes Controlling werden immer wichtiger. Geschwindigkeit heißt, dass zu viel Information wahrgenommen werden will. Die Entscheidungsdichte nimmt zu. Der Sack Reis, der in China purzelt, ist plötzlich relevant. Management wird zur wahren Meisterdisziplin.

Demgegenüber waren die Koordinaten zu Kaisers Zeiten völlig unkomplex und klar. Vor hundert Jahren, nur drei Generationen zurück, regierte noch die Eindeutigkeit, mit den bekannten Gefahren, die falsche Simplifizierung und zu lautes Tschingderassabumm erzeugen. 1907 hatte jedenfalls alles seinen Platz und jeder Preuße seinen Plan. Frankreich war chauvinistisch als Erbfeind verschrien. Britannia schmerzte tief mit seiner Stärke zur See. Russland hatte seinen Zaren. Amerika und Asien waren weit weg. Afrika wurde nur ausgebeutet. Europa war das geistige und militärische Zentrum der Welt. Innenpolitik war Ständepolitik. Außenpolitik war Machtpolitik. Es gab viel oben und unten, rechts und links und schwarz und weiß. Im Imperialismus war gut, was den eigenen Interessen diente. Welthandel fand auf Kosten der Kolonialisierung statt. Eine damals selbstverständliche Sicherung von Rohstoffen und Ressourcen. »Fair trade« war kein Gedanke. Der erste Weltkrieg beendete zwar nicht die Ära der Ressentiments und der verfehlten Erklärungsmuster, besiegelte aber die Epoche der Beschaulichkeit.

In unserem Zeitalter der raschen Multiplikation von Geschäftsmodellen und allgegenwärtiger Kommunikation beruht Erfolg in der integrierten International ökonomie dennoch auf uralten Mustern: Komplexität reduzieren und sich auf das Wesentliche fokussieren, nämlich die Prozesse zu beherrschen, die Märkte zu kennen, die Bedürfnisse der Kunden innovativ zu erfüllen, mehr Qualität und Service oder bessere Preise als die scharfe Konkurrenz zu bieten und aus diesem Leistungsspektrum auskömmliche Margen zu machen. Soviel Rationalität sähe man gern auch in der Politik, die nur insofern salviert ist, als sie notorisch Mehr heitsentscheidungen trifft. Das ist natürlich keinem Unternehmer zu wünschen.

 

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur