Am Rande des Kanzlerbesuchs

Dr. Adenauer wurde zusehends aufgeschlossener, als er am Samstag, dem 31. Oktober, von 13 bis kurz vor 16 Uhr im Kursaal von Bad Cannstatt weilte. Die zukünftigen Chefs württembergischer Familienunternehmen hatten ihre Väter eingeladen. Unter den etwa 80 anwesenden Personen war jung und alt gleichmäßig verteilt, zwei Generationen, die mit den Namen unserer wirtschaftlichen Unternehmen verknüpft und so kennzeichnend für das Beharrungsvermögen und den Wohlstand unseres Landes sind.

Konrad Adenauer

Es mag sein, daß der Kanzler gerne einmal zu jungen Menschen Kontakt finden wollte; aber es ist dem unbekümmerten Mut von Hans J. Schmidtgen zu verdanken, Dr. Adenauer zu diesem Beisammensein zu bitten. Charme und Mutterwitz, Herzlichkeit und Distanz, eine einfache und auf alle oratorischen Effekte verzichtende Sprache ließen den Bundeskanzler väterlich besorgt, gütig ausgleichend, ungewöhnlich frisch und innerlich jung erscheinen. Kein Zittern der Hände und kein Gebeugtsein des Alters, wie es bei einem 78jährigen Staatsmann nicht ungewöhnlich wäre. Allerdings raucht der Bundeskanzler nicht wie seine Kollegen Churchill und Bidault. Aber er liebt einen guten Tropfen. Keine Nervosität und keine Hast, die hätten erkennen lassen, diese Verpflichtung rasch hinter sich zu bringen. Zuerst die Ansprache, dann an der Hufeisentafel das offizielle Essen in einem gediegenen Rahmen (die wohltuende Etikette höflicher Form und bescheidener Würde) und zum Schluß die Möglichkeit, sich mit dem Bundeskanzler in einer Sitzecke frei und ungezwungen unterhalten zu können.

Eine unaufdringliche Aufmerksamkeit hatte einen stetigen Austausch der Gesprächspartner bewirkt. Von dem Problem der Klimaplanung für Stuttgart bis zur großen Weltpolitik spannte sich der Bogen des Gesprächs. […]

Manches Bonmot und die Erwähnung mancher Einzelheit, deren Kenntnis man beim Kanzler nicht vorausgesetzt hätte. So bedauerte er zu Herrn Porsche, daß seine Fahrer für diesmal in den USA versagt hätten, »wo er sich doch persönlich für Kling so stark bemüht hätte«. Dies wurde von den Zuhörern ebenso mit Heiterkeit quittiert wie die Erwähnung der Namen Bleyle und Leitz, als ihm längst bekannte und vertraute Unternehmen, »da er ja viele Kinder hätte (Bleyle-Anzüge) und mit diesen einen regen Briefverkehr pflege (Leitz-Ordner)«.