Die Chance des selbständigen Unternehmers

Prof. Dr. Ludwig Erhard

Wer mein Reden und Wirken in den vergangenen zwölf Jahren auch nur in großen Zügen verfolgt hat, weiß, dass ich mich dem freien, wagemutigen und sozial verantwortungsbewussten Unternehmer immer in besonderem Maße verbunden gefühlt habe. Noch stets betonte ich, dass das hinter uns liegende Aufbauwerk ohne das freie, für die großen Probleme unserer Zeit aufgeschlossene Unternehmertum nicht denkbar wäre. Ich bin gewillt, die freie Unternehmungswirtschaft als die uns gemäße Wirtschaftsordnung bis zum letzten zu verteidigen. Diese meine Haltung beruht freilich nicht auf mehr oder weniger zufälligen Sympathien für die Unternehmer schlechthin. Ich bin überzeugt, dass kein wirtschaftliches Prinzip in der Welt so wirksam ist und so große Vorteile für die Gesamtheit eines Volkes bringt wie die freie Unternehmungswirtschaft. An diesem meinem Bekenntnis ist nicht zu deuteln, meine Haltung ist klar und unbeirrt. Ich würde das Fundament meiner Wirtschaftspolitik geradezu zerstören, wollte ich in diesem entscheidenden Punkt meine Ansicht ändern. Dem einen oder anderen mag dieses Bekenntnis überflüssig erscheinen.

Ich meine jedoch, dass es für die Grundfrage, ob überhaupt der selbständige Unternehmer in Zukunft Chancen haben wird, wesentlich ist, meine Überzeugung nochmals voranzustellen. Und aus dieser, auf Erkenntnis gründenden Überzeugung sage ich: Ja, der selbständige Unternehmer wird Chancen und zugleich Aufgaben haben, die kaum vergleichbar denen sein werden, die etwa dem Unternehmer um die Jahrhundertwende gestellt waren. Aufgaben und Chancen, von denen selbst vor zehn Jahren noch kaum jemand etwas ahnte.

Ich möchte allerdings gleich mit aller Deutlichkeit hinzufügen, dass diese Aufgaben nur dann glücklich bewältigt werden können, wenn das deutsche Unternehmertum auch in den vor uns liegenden Jahren über Persönlichkeiten verfügt, deren Handeln durch Wagemut, Zielstrebigkeit und Können bestimmt wird, deren Haltung zugleich aber auch die Verpflichtung gegenüber den aus dem Ganzen erwachsenden Pflichten erkennen lässt.

Zu dem Ja, das auf meiner Überzeugung gründet, zu dem Ja, das aus der Vielfältigkeit der großen Zukunftsaufgaben erwächst, muss also auch das Ja des selbständigen Unternehmers kommen. Ohne die rückhaltlose, das Risiko nicht scheuende Bejahung seiner Aufgabe würde er sich seiner Chancen selbst begeben. Deshalb müssen sich mein Bekenntnis zur Unternehmungswirtschaft und der klare Wille der selbständigen Unternehmer zum unternehmerischen Tun zu einer dynamischen Ordnungskraft verbinden.

Nun zu der Frage, welche Chancen sich dem selbständigen Unternehmer morgen bieten werden. Die äußeren Bedingungen werden gleichbleibend günstig sein. Binnen-wirtschaftlich und außenwirtschaftlich. Die deutsche Wirtschaft wird in einer stetigen, wenn auch notwendiger – und richtigerweise in einer sich mehr und mehr differenzierenden Aufwärtsentwicklung unter voller Anspannung der Produktivkräfte bleiben. Dieser Trend wird, dessen bin ich ganz sicher, das nächste Jahrzehnt kennzeichnen. Unser Bruttosozialprodukt von heute knapp 300 Milliarden DM – eine Zahl, die 1950, als wir kaum 100 Milliarden DM erreichten, auch der größte Optimist nicht auszusprechen gewagt hätte – wird sich kontinuierlich erhöhen und in absehbarer Zeit nochmals verdoppeln. Entsprechend werden die Masseneinkommen steigen. Sie werden ein nie versiegender Quell potentieller Nachfrage sein, der sich das Angebot mit unternehmerischer Phantasie und den fast unbegrenzten Möglichkeiten moderner Technik elastisch anzupassen haben wird.

Genau so günstig sind die außenwirtschaftlichen Aspekte. Hier sind es vor allem zwei Faktoren, die die Chancen des selbständigen Unternehmers bestimmen werden: die Integration der Völker der westlichen Welt mit dem sich ankündenden  Zusammenschluss  zu  einer  atlantischen Allianz und zum zweiten der wirtschaftliche Fortschritt in den Entwicklungsländern, insbesondere Asiens und Afrikas. Beides bedeutet einen immer nachhaltigeren Abbau nationaler wirtschaftlicher Grenzen und Vorurteile und damit die Chance, im Zuge einer wachsenden internationalen Arbeitsteilung die Vorteile weltweiter Märkte zu nutzen. […]

Allein die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung wird die Dynamik der Entwicklung garantieren. Eine Dynamik, in der es nur den ewigen Wechsel als beständigen Faktor geben wird. Solange aber alles in fließender Bewegung bleibt, solange bleibt auch der Boden für die unternehmerische Gestaltung fruchtbar. Und zwar gerade für den selbständigen Unternehmer, sofern er willens und fähig ist, seine Chancen zu sehen und zu nutzen. […]

Der Unternehmer von morgen wird nicht wenig dazulernen müssen, dann werden die Chancen, von denen ich sprach, keine Phantasiegebilde sein, sondern der  Wagemut,  die  ursprünglichste  unternehmerische Funktion, wird in einer kaum abzuschätzenden Renaissance eine neue Bedeutung erlangen. Die Erfüllung dieser Funktion verlangt allerdings vom heutigen Unternehmer ein wesentlich ausgeprägteres Gemeinbewusstsein. Wohlgemerkt, ich meine […] das Bewusstsein, im unternehmerischen Beginnen zugleich auch eine dem Allgemeinwohl dienende Aufgabe zu sehen.