Ein Verbandsausflug in die Medienlandschaft

Das »Taschenbuch der Wirtschaftspresse« listet die in Deutschland erscheinenden Fach- und Wirtschaftszeitungen auf. Es ist beeindruckend, wie differenziert und wie intensiv das Bedürfnis der Branchen, Verbände, Interessenorganisationen und gesellschaftlichen Gruppen nach Selbstdarstellung in der Presse ist, oft genug in von ihnen selbst herausgegebenen Publikationen.

Hans Mundorf

Die Fleischer, die Bäcker, die Landwirte, die Architekten, die Aktionäre, die Hoteliers und Ärzte, die Produzenten von Schnaps, Aluminium, Beton, Bitumen, Flüssiggas und Automobilen, die Banken und Sparkassen, die Zollbeamten, die Feuerwehrleute, die Polizisten, die Soldaten, die Dachdecker und Gerichtsvollzieher, die Handwerker, Vermieter, Feuerverzinker, Freiberufler, Führungskräfte und die Winzer, sie alle haben ihre Organe, die nachgefragten Nutzwert vermitteln, Probleme darstellen und vor allem Interessen vertreten. Wie aber artikuliert sich der selbständige Unternehmer, als eigentlicher Repräsentant der unternehmerischen Welt?

Diese Welt ist medienpolitisch unterbelichtet. Zwar reden alle vom Mittelstand, zumal die Politiker, doch der Mittelstand hat kaum ein Organ, um von sich selbst zu reden. Die Medien, die ihm gehörten, lässt er verkümmern. Beispiel: Die Zeitschrift der beiden ehemaligen Wachbataillone der mittelständischen Wirtschaft, der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer (ASU) und des Bundesverbandes Junger Unternehmer der ASU (BJU). Die Spitzenverbände der Wirtschaft und die Gewerkschaften brauchen kein Sprachrohr, sie müssen nur flüstern, um schon das Ohr der Politik zu erreichen, und es genügt ein Räuspern, um eine Regierung abzumahnen. Ihre Geschäftsführer sitzen zum Teil noch im Parlament, und sie entsenden ihre Experten in Regierungsämter: Der Bundeswirtschaftsminister war früher Führungskraft der Energiewirtschaft, sein Staatssekretär war Gewerkschaftsfunktionär. Die Spitzenverbände sitzen in Kommissionen, Arbeitskreisen und im »Bündnis für Arbeit«, kurz: in den vorparlamentarischen Gremien, in denen Gesetze entstehen. Auf ihren Versammlungen geben sich Kanzler und Kanzlerkandidaten die Ehre. In ihrem Strafraum wird nicht mehr gedribbelt. Hier fallen Tore.

Die mittelständische Wirtschaft dagegen ist auf mediale Verstärker angewiesen, um überhaupt Gehör zu finden. Die selbständigen Unternehmer müssten ihre Interessen bündeln und unisono sprechen, um nicht nur getätschelt, sondern ernst genommen zu werden. Eine Regierung, die sich für Wachstum, Vollbeschäftigung und technischen Fortschritt haftbar machen lässt, braucht zur Steuerung der Wirtschaft zentrale Ansprechpartner, mit denen sie Bündnisse schließen kann – keine heterogene Masse selbständiger Unternehmer. Der BDI- oder BDA- oder DIHT-Präsident, der Vorsitzende der IG Metall oder von »ver.di«, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank oder von Daimler/Chrysler, die Funktionäre der Wirtschaft also, das sind die Leute, die von den Funktionären der Politik gesucht und gefunden werden und mit denen sie sich verstehen.

Die ASU hat früher auch zum Kreis der von der Bundesregierung geladenen Spitzenverbände gehört. Das war zu der Zeit, als das Kartellgesetz noch Markenzeichen der deutschen Wirtschaftspolitik war, als die Konzentration von Unternehmen als tödliche Immunschwäche der Wirtschaft bekämpft wurde. Die ASU hat diesen ihren Sitz verloren. Heute wird die Konzentration der Unternehmen zu Mammutgebilden von Staats wegen organisiert, gibt es die Ministererlaubnis für Fusionen gegen Widerspruch des Bundeskartellamts und der Monopolkommission, wird der Handel von Beteiligungsrechten der Kapitalgesellschaften steuerlich begünstigt, werden Konzerne faktisch von der Körperschaftsteuer befreit, während die Steuerlast mittelständischer Unternehmen zumindest nicht leichter wird. Es ist inzwischen wieder wundervoll, groß zu sein.

Das Eigentum an den Produktionsmitteln wird demokratisiert. Man hat sein Stückchen Eigentum an der AG im Bankdepot, doch Kurs und Dividende sind die einzigen Bezüge zum Unternehmen, das der Verantwortung angestellter Großverdiener überlassen bleibt, die nach Belieben Unternehmensstücke global tauschen, verkaufen oder stillegen, die historischen Unternehmenszwecke ändern oder aufgeben und sich dabei schamlos bereichern. Der selbständige Unternehmer wird gesellschafts- und wirtschaftspolitisch zum Unikum. An seine Stelle tritt der Shareholder, kein Unternehmer, sondern ein Anleger auf der Suche nach Value.

Der selbständige Unternehmer verliert an Status und Statur, und mit ihm seine Verbände. Wer seine Sache schon verloren gibt, tritt auch nicht mehr für sie ein. Auf der Welle des Globalismus surfen Unternehmer nicht mit, sie sind die Opfer der Konzentrationsbewegung, nicht aber deren Akteure. Wenn sie in Konkurs gehen, dann ist das einen Zweispalter in der Lokalpresse wert, interessiert aber nicht einmal den Landtagsabgeordneten, geschweige die Landes- oder gar die Bundesregierung. Als Grabrede hören sie eine Vorlesung über das »Stirb und werde« in der Marktwirtschaft, während Konzerne mit Staatsbürgschaften künstlich wiederbelebt werden.

Zudem ist der typische Individualismus der Unternehmer organisationsfeindlich. Nur wenige von ihnen sind zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt. Es fällt ihnen schwer, einen Verbandszweck zu begreifen und zu fördern. Die Geschichte der ASU/BJU-Zeitschrift »Der Unternehmer«, hervorgegangen aus »Die Aussprache« der ASU und »Die junge Wirtschaft« des BJU, war daher stets ein Kampf um die Finanzen. Er wurde letztlich auch verloren.

Diese Zeitschrift war der Versuch, ohne Beschränkung auf das Innenleben der beiden Herausgeberverbände, unter Verzicht auf die Imagepflege der Verbandshonoratioren in Wort und Bild Probleme selbständiger Unternehmer journalistisch anspruchsvoll darzustellen und aus einem Verbandsblatt eine eigenständige Zeitschrift mit beachtlicher Reichweite zu machen. Dieses Ziel ist wohl zu ehrgeizig.

Dass es überhaupt definiert werden konnte, war nur dem damaligen Hauptgeschäftsführer der ASU, Heribert Juchems, zu verdanken, der zugleich die undankbare Funktion des Chefredakteurs der Zeitschrift übernahm. Die Gremien sind ihm nach seiner Zeit nicht mehr gefolgt, die Finanzierung wurde eingestellt. Warum eigentlich?