Ho-ho-hoffnungslos ist Opas Revolution

In Nordkarolina (USA) vereinten sich 1.500 Studenten einige Tage lang zu einem Sitzstreik, um eine Erhöhung der Stundenlöhne für die bei der Universitätsverwaltung beschäftigten ungelernten Arbeiter zu erzwingen. In Prag zogen 1.000 Studenten durch die Straßen, um ihre Sympathien mit einer Anti-Vietnam-Demonstration in New York zu bekunden, auf dem Eiffelturm hißten Studenten der Sorbonne die Vietcong-Fahne, dann führten sie Straßenschlachten mit der Polizei. In Bonn demonstrierten Studenten nach den aufgeregten Ostertagen verhältnismäßig friedlich gegen die geplanten Notstandsgesetze, die das Parlament seit nähezu zehn Jahren berät.

Auf der ganzen Welt protestieren und  randalieren Studenten und Oberschüler aus verschiedensten Ursachen: Ein mißlungenes Mittagessen der Mensa oder eine unbequeme Hausordnung im Wohnheim führen ebenso zum Ausstand wie spontan empfundenes Unbehagen über die bestehende Ordnung oder der lang gehegte Wunsch, die Gesellschaft zu ändern. Äußere Anlässe und Hintergründe sind schwer zu unterscheiden.

Lauter als früher

Studentische Unruhen in diesem weltweiten Umfange sind neu, besorgt suchen Kommentatoren angesichts der verschiedenen Ziele wenigstens nach der oder den gemeinsamen Ursache. Sie finden sie im schlechten Lehrbetrieb, in überfüllten Hörsälen und der Unübersichtlichkeit moderner Massen-Universitäten, in denen sich der einzelne Student verloren und verlassen vorkommt und schnell zum Mitläufer der Randalierer und Revoluzzer wird.

Grund dafür, daß sich die Unzufriedenheit der Jugendlichen so laut Luft schafft, bietet sicherlich auch der Erziehungsweg dieser Generation, deren Väter und Mütter sich eher tolerant als autoritär geben. Die Jungen – zur Kritik und Skepsis nachdrücklich angehalten – messen jetzt im Westen wie im Osten das ihnen geschilderte Idealbild von der humanen, demokratischen oder kommunistischen Gesellschaft mit der von vielen Fehlern behafteten Realität, um dann zornig die Revolution zu fordern, damit diese Welt endlich besser werde. Die Aufstände sind zuweilen aufregender und erfolgreicher als selbst ihre Rädelsführer erwarteten, weil das Establishment tatsächlich morsch und hinfällig ist oder weil es seine Vitalität so unterschätzt, daß es kopflos mit dem Polizei-Knüppel um sich schlagend die Studenten in die Einheitsfront zwingt.

Unsere Söhne und Töchter!

Dabei werden in der Bundesrepublik die Studenten-Demonstrationen und Aufläufe noch ernster genommen und gehandhabt als in New York oder in Paris. Wir haben noch zu wenig Erfahrung, aber wir lernen dazu, wie die ausgezeichnete Reaktion auf den Sternmarsch der Notstandsgegner bewies. Doch die Studenten hierzulande sind Söhne und Töchter ihrer Eltern, das heißt, sie sind selten kompromißbereit. Als sie in den Ostertagen drohend und anmaßend, mit teutonischem Bierernst die Macht übernahmen, benahmen sich einige, wie es eigentlich nur deutschen Faschisten oder deutschen Kommunisten zukommt.

Aber auch das Establishment reagierte keineswegs demokratisch sicher, abgeklärt und ausgewogen. Die Innenminister hatten sich auf die friedlichen Ostermarschierer eingestellt, sie glaubten auch nach den Schüssen auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag, die Studenten würden über die Feiertage Ruhe halten. Entsprechend hart, weil überfordert, reagierten die schwachen Polizeikräfte, als der Zauber losging. Erst am Ostermontag gelang es, die Situation zu übersehen und in den Griff zu bekommen. Die Führer des SDS wär über ihre Anfangserfolge überrascht, inzwischen bereiten sie die nächste Aufführung mit größerer Besetzung vor. Sie wird kommen, aber diesmal sind die Eltern besser vorbereitet. Revolution und Bürgerkrieg werden ausfallen.