Übernehmt politische Verantwortung

Wo stehen wir heute, im Frühjahr 1955, in unserer politischen Entwicklung? Wir erwarten die Regelung brennender innenpolitischer Probleme, die u.a. eine durchgreifende Sozialreform, die Verkehrsreform, das Kartellgesetz als Beispiele gerade der Fragen, die den in der Wirtschaft Tätigen unmittelbar berühren. Können wir der Lösung dieser entscheidenden Problemkreise mit Zuversicht entgegensehen? Ich glaube, daß dies nicht der Fall ist. […]

Dieter Fertsch-Röver

Warum müssen wir eigentlich skeptisch sein? Wir haben am 2. September 1953 einen Bundestag gewählt, dessen Zusammensetzung eine Gewähr für eine noch zielstrebigere und vor allem stabile Politik abgeben könnte. Doch es war nicht allein die Adresse der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer an die Bundesregierung im November 1954, die davon sprach, daß unsere Erwartungen an diesen Bundestag bisher nicht in Erfüllung gegangen sind. […]

Wer den parlamentarischen Betrieb einigermaßen beurteilen kann, weiß, daß gerade innenpolitische Fortschritte erschwert werden, weil die Gegensätze der Interessengruppen eine wirklich fortschrittliche, reformerische und in die Zukunft gerichtete Gesetzgebungsarbeit blockieren können. Gerade hier erhebt sich nun die so brennende Frage, wo denn die unabhängigen parlamentarischen Persönlichkeiten sind, die sich von allen irgendwie gearteten Bindungen freimachen können, um politisch schöpferisch tätig zu sein? Wo sind ihre wirklich unabhängigen Berateren? Nicht diejenigen, die sie als Vertreter einer Interessengruppe ständig belagern und mit Schrift und Wort bedrängen, um ihre Meinungsbildung zu beeinflussen. […]

Wo sind diejenigen, die also das »Ganze« im Sinn haben und nicht nur die Interessen eines begrenzten Teiles unseres Volkes? In den Parteien? In den beratenden Ausschüssen der Parteien? In den Ausschüssen der Verbände? Ja manchmal fragt man sich ernsthaft, befinden sich denn diese Menschen überhaupt unter den Parlamentariern? Und diese Frage kommt mit Recht auf, weil man diese Menschen so selten findet, weil, wenn sie wirklich vorhanden sind, ihre Wirksamkeit nicht spürbar ist. […]

Gerade im jetzigen Zeitpunkt scheint mir der schon seit jeher ausgesprochene Ruf nach Mitarbeit verantwortungsbewußter junger Unternehmer wieder akut! Vor allem ist er deswegen so sehr aktuell, weil auf Grund der außenpolitischen Entwicklung nunmehr die Wiedervereinigungspolitik in ein aktiveres Stadium treten muß. Es dürfte feststehen, daß all jene schwierigen bei der Wiedervereinigung auftretenden Probleme im wesentlichen unsere Generation zu lösen haben wird. Wir werden uns auf Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte nach dem Tag X damit auseinanderzusetzen haben, wie die in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung völlig auseinanderstrebenden Teile Deutschlands wieder organisch zusammengebracht werden können. […] Hier kommen Aufgaben auf uns zu, auf die wir uns vor allem menschlich vorbereiten müssen. Ich meine, eine gute Schule dafür ist die politische Betätigung in unserer parlamentarischen Demokratie. Wir brauchen ja nicht sofort nach einem Bundestagssitz zu streben. Dies ist nicht nur unnötig, sondern sogar falsch. Notwendig aber ist die Übernahme politischer Verantwortung, nicht mit dem Antrieb vom Interessentenstandpunkt her, sondern aus dem Bewußtsein heraus, gerade als Unternehmer im besonderen Maße seinen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten.

Die unternehmerische Aufgabe ist nicht mit der Führung des Unternehmens erschöpft. Das sollten wir doch endlich erkannt haben. Laßt uns jetzt daraus Konsequenzen ziehen und bereit sein, auch unseren Beitrag für die Gestaltung unseres staatlichen Lebens zu leisten. Mit Diskussionsbeiträgen bei Verbands-Versammlungen, am Stammtisch oder beim Neujahrsempfang der örtlichen Industrie- und Handelskammer ist diese Aufgabe nicht erschöpft. […] Wir sollten daher mehr als bisher bereit sein, in dem von uns überschaubaren Raum politische Verantwortung zu übernehmen.