Faber-Castell AG

Preis für gesellschaftliches Engagement

Interview mit Gisbert Braun, Head of Corporate Quality and Sustainability, Faber-Castell AG, Stein


UMAG: Ihr 1761 gegründetes Familien­un­ternehmen verarbeitet traditionell Holz, so dass Nachhaltigkeit bei allem Wachstum I­h­r Wegbegleiter ist. Nun wurden Sie dafür geehrt, in Kolumbien karges Weideland in Wald umzuwandeln. Was will das Pr­o­jekt und lässt es sich multiplizieren? Die Aufforstung am Rio Magdalena im No­r­den Kolumbiens ist die Folge eines großflächigen, staatlich geförderten Restrukturierungsprogramms für Gemeinden, die stark von Überweidung und Erosion betroffen sind. Es soll diese von Überschwemmungen und Miss­ern­ten geschundene Region nicht nur öko­lo­gisch retten, sondern sie auch wirtschaftlich und politisch stabilisieren. Faber-Castell ist einer der wenigen privatwirtschaftlichen Investoren, die das Projekt unterstützen. So sichern wir uns die eigene Rohstoffversorgung aus ökologisch einwandfreien Quellen und bieten den Bauern vor Ort eine Perspektive. Die Farmer geben einen Teil ihrer bisher meist als Weideland genutzten Agrar­flächen zur Aufforstung her. Sie sind an den Ernteerlösen des Holzes aus den Durchforstungen und der Endnutzung beteiligt. Wir sind der einzige Hersteller von Holzstiften, der eigene Wälder für eine nachhaltige Rohstoffversorgung bewirtschaftet, in Brasilien schon seit Mitte der 80er Jahre. In Kolumbien handelt es sich um ein Kooperationsmodell mit den Kleinbauern. Da die Sache noch am Anfang steht, müssen wir den Ansatz trotz des vielversprechenden Starts infrastrukturell erst weiterentwickeln, bevor wir Rückschlüsse auf eine Duplizierung ziehen.

UMAG: Bei diesem Ansatz gehen ökologische und soziale Verantwortung Hand in Hand. Die Initiative nutzt dem Land, den Menschen und dem Klimaschutz. Mit welchen Effekten? Das Restrukturierungsprogramm mindert die Folgen der Überweidung, also die Erosion von Agrarflä­chen, und legt langfristig Forste zur Bewirtschaftung an. Da die Region am Rio Magdalena sehr unterentwickelt ist, schafft das Projekt infrastrukturell und öko­­nomisch Entwicklungsanreize. Die Haupt­idee ist, einen Umdenkprozess in der Bevölkerung zu fördern. Leider stellen Wald und der Rohstoff Holz in vielen Regionen Lateinamerikas keinen oder nur einen geringen Wert dar. Es geht oft nur darum, Wald zu roden, um Flächen für die Landwirtschaft zu schaffen. Das ist abgesehen von den langfristigen negativen wirtschaftlichen Auswirkungen verheerend für die Umwelt. Wald ist der bedeutendste CO2-Speicher, den wir haben. Er sichert die Zukunft nachfolgender Generationen. Wir wollen in der Region Rio Magdalena vermitteln, dass Wälder kein Hindernis, sondern bei nachhaltiger Bewirtschaftung eine langfristig sichere Einkommensquelle sind.

UMAG: Bleistifte sind ja an sich ein sehr altes Produkt, aber von zeitlosem Zweck. Sie lassen weltweit über zwei Milliarden Stück im Jahr produzieren, vor allem in Brasilien. 99 % des Rohstoffs für die Ummantelung der Minen stammen aus zertifizierten Waldbeständen. Wie sichern Sie die Herkunft und dieses Qualitätssiegel? Als weltweit führender Hersteller holzgefasster Stifte sind wir uns über die Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur bewusst und legen großen Wert auf eine nachhaltige Rohstoffversorgung für die Herstellung holzgefasster Stifte. Damit die Herkunft des Holzes vom Baumsetzling bis zur Verpackung der Stifte lückenlos nachvollzogen werden kann, sind alle Sägewerke, Produktionsstätten und Vertriebsgesellschaften der Faber-Castell-Gruppe nach FSC-CoC (»Chain of Custody«) zertifiziert. Nachhaltiges Ressourcen-Management hat bei Faber-Castell traditionell hohen Stellenwert und ist als Markenkernwert in der Unternehmensstrategie verankert. Diese FSC-Zertifizierung ist international bedeutsam für uns, um die Legalität unseres Holzes zu gewährleisten.

UMAG: Sie haben bereits seit d­em Jahr 2000 eine Sozialcharta in Ihrem Unternehmen, d­ie unter anderem Ki­n­derar­­beit ausdrücklich missbilligt und Ihren Mitarbeitern global Standards garantiert. Sie bekennen sich damit zu den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Was liegt Ihnen besonders am Herzen? Die Sozialcharta sowie die Vorgaben der ILO wie das Verbot von Kinderarbeit, Chancengleichheit und Gleichbehandlung der Mitarbeiter ungeachtet ihrer Rasse, der Religion, des Geschlechts und der Nationalität, die Gewährleistung sicherer und hygienischer Arbeitsbedingungen, einschließlich der Zahlung angemessener Löhne bei humanen Arbeitsbedingungen, beruhen auf einer langen Tradition sozialer Verantwortung, die schon vor 150 Jahren für unser Unternehmen galt. Die Sozial- und Arbeitsstandards in unseren Niederlassungen sowie bei unseren Lieferanten werden im Rahmen jährlicher Audits weltweit überprüft, um deren Einhaltung auch wirklich zu gewährleisten. Als altes Familienunternehmen in ac­h­ter G­e­neration sind wir davon überzeugt, dass langfristig erfolgreiches Wirtschaften nur durch verantwortungsvolles, ehrliches und faires Miteinander erreichbar ist.

UMAG: Ihre Marke ste­h­t heu­te auch für Buntstifte, Künstlerfarbstifte, Füller, Kugelschreiber, Fineliner, Filzstifte und Marker sowie für Zeichenkohlen, Kreiden und Accessoires. Inwiefern lässt sich der Nachhaltigkeitsgedanke auf die hierfür benötigten Materialien und Herstellungsverfahren übertragen? Gibt es in diesem Sortiment Analogien? Generell ist es natürlich in unserem Interesse, soweit wie möglich auf umweltfreundliche Materialien zurückzugreifen, um unserer unternehmerischen Ve­r­antwortung gerecht zu werden. Wir haben diesbezüglich schon seit längerem festgelegt, Produkte ausschließlich unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Gesichtspunkte zu entwickeln, die in ihrem gesamten Lebenszyklus zum Tragen kommen.

Die Fragen stellte Dr. Reinhard Nenzel